Beiträge für eine Lebendige Streitkultur in Karlsruhe

Schwerpunkt

Integrier‘ Dich doch erstmal selbst!

Grund- und Menschenrechte statt deutsche Leitkultur

Eine Einwanderungsgesellschaft muss die Frage nach gemeinsamen Normen und Werten des Zusammenlebens stellen. Das kann weder eine national begründete Idee sein, noch eine, die sich auf eine bestimmte religiöse Tradition bezieht. Von Einwander*innen kann nicht verlangt werden, dass sie ihr Selbstverständnis aus der Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte entwickeln. Genauso wenig kann ein Bekenntnis zu christlichen Werten vorausgesetzt werden. Für den Freiburger Professor Dr. Albert Scherr gibt es daher nur eine überzeugende Antwort auf die Frage nach einer gemeinsamen Wertebasis: Die Menschenrechte und daraus abgeleitet die Grundrechte. In Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 wird die Achtung der Würde jedes Einzelnen und zwar unabhängig von „Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand“ festgehalten.  Diese Formulierung weist jede Form der Diskriminierung zurück.

Auf einer solchen Wertegrundlage ist Integration notwendigerweise nicht nur eine Aufgabe, die sich Eingewanderten stellt. Denn es sind rechtsextreme, rechtspopulistische und nationalkonservative Strömungen, die einen solchen Wertekonsens massiv in Frage stellen. Wer jedoch Gesellschaft als nationale Interessengemeinschaft denkt, kann Integration bestenfalls als Assimilation, also als Anpassung der Zugewanderten, denken.

Eine moderne Gesellschaft hingegen ist eine, die ein Zusammenleben von Menschen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungshintergründen, Lebensgeschichten, weltanschaulichen und religiösen Überzeugungen erlaubt. Und keine, die durch ein hohes Maß an Ähnlichkeit oder Übereinstimmung gekennzeichnet ist. Moderne Gesellschaften ermöglichen das Zusammenleben von unterschiedlichen Menschen, die einander fremd sind und einander fremd bleiben können, so lange sie sich auf grundlegende Regeln des Zusammenlebens verständigen können. Der Preis dieser Freiheit, die moderne Gesellschaften bieten, besteht darin, dass wir das Zusammenleben mit Menschen aushalten müssen, die andere Überzeugungen haben als wir selbst.

Integration ist kein naiver Multikulturalismus

Integration bedeutet dann die Anerkennung des Rechts auf Differenz, auf Unterschiedlichkeit, Verzicht auf Anpassungsforderungen an die Regeln, Normen, Sitten und Gewohnheiten der Mehrheit, gleichberechtigte Teilhabe durch die Überwindung von Diskriminierung, Abbau von Ungleichheiten und Benachteiligungen, insbesondere im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt, die Anerkennung der Würde und damit des Rechts auf Selbstbestimmung jedes und jeder Einzelnen.

Als Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen sollte Integration hingegen nicht gedacht werden. Denn es impliziert, dass Menschen einer Kultur angehören und dass die Probleme des Zusammenlebens aus den Unterschieden zwischen den Kulturen resultieren. Gerade weil Kultur und Kulturen nicht (zwangsläufig) harmlos und unschuldig sind – es gibt Kulturen der Gewalt, des Militarismus, des Autoritarismus und der Unterdrückung – wirft jedes Reden über Kultur die Frage auf, welche Traditionen, welche Normen und Werte akzeptabel sind und welche nicht. Es führt zu einer subjektiven und chauvinistischen Debatte, die sich schließlich darum dreht, welche die bessere Kultur ist. Tatsächlich gehört niemand einer und nur einer Kultur an, die Vielfalt der Kulturen findet sich in jedem Menschen. Sie kann geprägt sein durch die soziale Zugehörigkeit, das familiäre Umfeld, aber auch durch schulkulturelle oder (pop-)kulturelle Einflüsse bis hin zu Ess- und Trinkgewohnheiten. Und zumeist tragen auch weltanschauliche Überzeugungen Einflüsse aus unterschiedlichen Denkkulturen.

JedeR kann folglich entscheiden, welche Elemente welcher Kultur er oder sie sich zu eigen macht und welche nicht.

Wesentliche Ideen und Gedanken dieses Beitrages sind dem Vortrag von Prof. Dr. Scherr, gehalten im Mai 2016 anlässlich der Vergabe des Integrationspreises der Stadt Karlsruhe, entliehen, zusammengefasst von Jan Krüger.

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