Beiträge für eine Lebendige Streitkultur in Karlsruhe

Bilderrätsel

Einst Held, dann deportiert

Auflösung des Bilderrätsel # 9

Wieder im Bewusstsein: Julius Hirsch – für Verständigung durch Fußball (Foto: Benedict Holbein)

Einst Held, dann deportiert – ein Karlsruher Jung‘, der noch inspiriert

 Es gibt wenige Sportlerbiografien, auf die der deutsche Nationalsozialismus einen ähnlich schweren Schatten geworfen hat, wie auf die von Julius Hirsch. In mehrfacher Hinsicht ist sie geprägt von Ausgrenzung und Tragik.

Als einer der beiden einzigen jüdischen Fußballnationalspieler Deutschlands – neben seinem Karlsruher Mannschaftskameraden Gottfried Fuchs – absolvierte er sieben Länderspiele und erzielte dabei als erster Spieler, vier Tore innerhalb eines Länderspiels. Als erster Spieler wurde er mit zwei Vereinen deutscher Meister (1910 mit dem Karlsruher FV und 1914, als Spielführer, mit der SpVgg Fürth) und nahm an den Olympischen Spielen 1912 teil. Hirsch zierte mehrfach das Cover von Sportmagazinen und Sammelbildern.

1892 in Karlsruhe geboren, schloss sich Hirsch mit zehn Jahren dem Karlsruher FV (KFV) an. Den größten Teil seiner Jugend verbrachte er auf dem Engländerplatz, dem Fußball-Hotspot der Stadt. 1909 bestritt er, unter dem englischen Erfolgstrainer Townley bereits sein erstes Pflichtspiel und war seitdem als Linksaußen oder Halbstürmer gesetzt. Der 1,68 Meter große Stürmer war schnell, trickreich und robust. Zusammen mit Gottfried Fuchs und Fritz Förderer bildete er den, in der Fußballszene landesweit bekannten Innensturm des KFV. 1914 verschlug es den gelernten Kaufmann beruflich nach Franken, wo er sich der SpVgg Fürth anschloss. Nach seiner Dienstzeit im 1. Weltkrieg stand Hirsch erneut dem KFV zur Verfügung und wurde zum Spielführer gewählt – später zum Ehrenspielführer.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten kam 1933 die tiefe Zäsur seines Lebens: Im Stuttgarter „Sportbericht“ vermeldeten die süddeutschen Spitzenvereine, darunter auch der KFV und Phönix Karlsruhe, Juden aus dem Verein entfernen zu wollen. Als Reaktion darauf schrieb Hirsch einen Brief an seinen Stammverein, der heute zu den wahrscheinlich meist zitierten Textpassagen des deutschen Fußballs der NS-Zeit gehört: „Leider muss ich nun bewegten Herzens meinem lieben KFV meinen Austritt anzeigen. Nicht unerwähnt möchte ich aber lassen, dass es in dem heute so gehassten Prügelkinde der deutschen Nation auch anständige Menschen und vielleicht noch viel mehr national denkende […] deutsche Juden gibt.“ Die Antwort des Vereins („wir […] bitten Sie [..], Ihre Austrittserklärung als nicht geschehen zu betrachten“) kann nicht darüber hinweg täuschen, dass Juden vom Vereinsleben ausgeschlossen wurden. Nach einer Trainerstation im Elsass schloss er sich dem Turnclub 03 Karlsruhe an, einem jüdischen Sportclub, denn nur dort durften Juden noch Sport ausüben. Wirtschaftliche Nöte setzten im zu. Viele seiner früheren Freunde schnitten ihn, nur wenige hielten zu ihrem einst umjubelnden Sportkameraden und ließen ihn „heimlich“ auf die Zuschauertribüne des KFV-Stadions. Voller Verzweiflung versuchte sich Hirsch, in einem abgelegenen Steinbruch, mit einem Messer das Leben zu nehmen. Den Depressionen folgte ein Psychiatrieaufenthalt. 1939 setzte das städtische Tiefbauamt ihn, auf einem Schuttplatz als Zwangsarbeiter ein. 1943 wurde Hirsch vom Hauptbahnhof Karlsruhe aus nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Das Eingangsbuch des Vernichtungslagers führt Hirsch nicht auf. Er wurde wahrscheinlich unmittelbar nach der Ankunft ermordet. Die Angehörigen blieben lange im Ungewissen. Das Amtsgericht Karlsruhe erklärte Julius Hirsch 1950 schließlich für tot und für die darauffolgenden fünfzig Jahre geriet Hirsch in Vergessenheit. Erst eine Studie zur NS-Geschichte des DFB von Nils Havemann sowie die Publikationen von Hirsch-Biograph Werner Skrentny rückten „Juller“ Hirsch, ab den 2000er Jahren wieder in das Licht der Öffentlichkeit. Seit 2006 vergibt der DFB den Julius Hirsch-Preis für Personen und Initiativen, die sich im Fußball für die Unverletzbarkeit der Würde des Menschen und gegen Antisemitismus und Rassismus einsetzen. Weitere Namensgebungen folgten, wobei Karlsruhe dabei keine Vorreiterrolle einnahm. Immerhin benannte die Stadt 2013 eine Straße nach Julius Hirsch. Nach der Verleihung des 11. Julius Hirsch-Preises 2017 in Karlsruhe wächst auch in seiner Heimat das Bewusstsein um den berühmten Sohn.

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