Beiträge für eine Lebendige Streitkultur in Karlsruhe

Schwerpunkt

Das Wir belohnen

Ein Ausflug in die Möglichkeiten unserer Zeit

Ein Südstadtmorgen. Der temporäre Kunstraum ßpatz, ein Satellitenprojekt des Kollektivs „die Anstoß“, nistet hinter einer Tür im Treppenhaus. In der dahinterliegenden Wohnung verlagern Thomas Georg Blank, Jonas Müller-Ahlheim und Dominic Scharfenberg die Idee des von Galerien und Museen bewusst exklusiv gehaltenen Kunstkonsums in die Erfahrung des Teilens, des Miteinanders.

Auf der Suche nach dem, was das Überleben als Künstler/in heute sichern kann, begegnen wir dem Ausstellungsprojekt unter der Fragestellung, wie sich in Karlsruhe ein Vorhaben verwirklichen ließ, dessen Gäste aus Mexiko, Deutschland und Japan zahlreiche Besucher in die Südstadtwohnung lockten. Die Dichte an Offspaces liegt hier so hoch, wie in kaum einer vergleichbar großen Stadt. Ständig wächst das Angebot an Gruppenausstellungen und Innovationen. Der ßpatz unter der Lupe gibt Aufschluss darüber, was hier noch möglich ist.

Wo keine aufgeblasenen Formalitäten den Blick auf das Gesehene zu immer gleichen Vorannahmen verleiten, offenbart das Badezimmer seine gestalterischen Finessen ebenso wie die eben noch verschlossene Tür mit dem großen Logo von Jana Hoffmann.

„Das ist definitiv eine Erfahrung, an der wir gewachsen sind.“

Der Spatz ist ein Wildtier, erklären die drei Studenten der Kunstakademie beim Frühstück in ihrer WG-Küche, die Stadt eine neue Natur, die es zu erschließen gilt, abseits vom durchkommerzialisierten Lebensfeld der Bürgerlichkeit. „Die Spatzen sind auch deshalb ein global verbreitetes Tier, weil sie die immer wieder neu zu beleuchtenden Lücken im Raum nutzen.“

Wo diese Lücken liegen, wird klar, wenn man die Organisation des Unterfangens betrachtet. Die in ihrer Gänze nicht privat stemmbare Finanzierung läuft über Spenden und Kooperative. „Leute aktivieren“ nennt Blank das und schließt damit an die strukturelle Besonderheit des Projekts an. Für den Zeitraum eines halben Jahres  wurden die Kräfte gebündelt, Freunde und Kollegen halfen mit, aus Wohnraum Ausstellungsfläche entstehen zu lassen. Als Dank gab es „ein Stück Rampe“, quasi die Sammleredition für Unterstützer.

Aktiviert ist auch der Besucher. Das Kollektiv und seine Synergie wirken hier als Möglichkeit, das Verhältnis Betrachter/in zur Kunst auf neue Art zu bereichern.

„Das ist ein Herzensprojekt, entweder du machst es ganz oder gar nicht.“

Die Investition des Privaten trägt hier maßgeblich zur erlebten Andersartigkeit der Kunst bei. Die Auswahl der Künstler*innen soll nicht nur denen, die „durchs Raster gefallen scheinen“, eine Plattform sein, sie ermöglicht darüber hinaus den jungen Veranstaltern den Kontakt zu Kollegen außerhalb ihrer direkten Peripherie. Was durchaus sinnvoll ergänzend im Karlsruher Ausstellungsfeld ist, so Blank: „Wir wollten nicht noch eine Nabelschau“.

Davon profitieren die Betreiber im gleichen Maße wie die Ausstellenden und Besucher, die oft starre Hierarchie des privilegierten Zugangs entfällt und das Erlebnis öffnet sich den Bedingungen einer gerechteren, weil allen zugänglichen Kunstwahrnehmung. Die Attraktion liegt nicht mehr bei Besitzort und Privileg, das pulsierende Ineinanderschieben von Kunst- und Lebensbedingungen zu einem direkt erlebbaren Miteinander leiten fort zu einer Räumlichkeit des Unhierarchischen. Das Gefühl einer Sensibilität für die Bedingungen einer Epoche, ist diesem Projekt deutlich anzumerken. Temporär und spontan nach Freiheit und Jugend riechend – den Kernthemen der digital nicht altern wollenden Gesellschaft.

Betrachten wir die ßpatzen als temporäre Blüte am Strauch einer Stadtkultur, ist es sinnvoll nach deren Wurzelwerk zu suchen. Von der lobenswert gemeinschaftlichen Kooperationsbereitschaft der ßpatzen führt eine Spur zu den seit langem in Karlsruhe wirkenden Kollektiven um Poly, Circus3000 und Neue Fledermaus.

„Die ernstzunehmenden Krisen waren meist finanziell“

2001 als Gegenbewegung zum Galerienbetrieb gegründet, ist die Poly die älteste aktive Produzentengalerie in der Stadt. Mit nahezu 30 Mitgliedern, einer biographischen Nähe zur Karlsruher Kunstakademie und dem Wissen um die Kraft eines Netzwerkes gestalten die Akteure um Inas Armani, Ondine Dietz und Jean-Michel Dejasmin ihre Vision von einem nachhaltigen Karlsruhe der Künstler.

Der Schwerpunkt der Ausstellungen liegt auf experimentellen Projekten, die von einer Jury gemeinschaftlich ausgewählt werden und in den Räumen in der Viktoriastrasse oft erstmalig Verwirklichung finden. Die Geschichte der feministisch-motivierten Bezüge steht weiterhin fest an der Seite der Gruppe, das Ziel lautet „Vielfalt erhalten“. Ein Bekenntnis zum Inhalt, nicht zum Status der Ausstellenden. Diese Entwicklung führte zur Schöpfung der alternativen Kunstmesse #UND, auch hier forderte der Gedanke an Solidarität unter Künstler*innen einen neuen Weg zum ursprünglichen Konzept der Ausstellung.

Mit einem Herz für die Kunst, für neue Leute und Projekte sortierte sich eine Gruppe, die mit freiwilligem Aufwand eben auch deswegen Raum für Erfindungen und Risiko schaffen konnte, weil aus verschiedenen Lebenshintergründen ergebnisorientierte Strukturen mit – und eingebracht werden. Man wolle „eine neue Spezies erdenken“, so Ondine Dietz. „Auch im Wesen der Kunst und ihrer Menschen liegen die Strukturen des Darwinistischen Modells“. Ohne Finanzplan wären die intellektuellen Strategien allerding nicht umsetzbar, fügt sie hinzu.

Die Mechanik des Gelingens über einen derart langen Zeitraum beruht auf Vernetzung und Erneuerung. Das Überleben der Initiative wird durch persönliches Engagement und Mitgliedsbeiträge getragen, Miete und Materialgeld durch projektbezogene Fördermittel des Kulturamtes oder der Hoepfner-Brauerei gesichert.

„Als ob es Karlsruhe gäbe“

Dass diese Bemühungen, ein kulturell geprägtes Miteinander zu erzeugen und an die Lebensoberfläche dieser Stadt zu tragen, schon lange in Karlsruhe wirken, verdeutlicht das Projekt „Die neue Fledermaus“. Mit einer sentimentalen Annäherung an das Städtische sowie der Erfahrung aus akademisch-interdisziplinärem Arbeiten, fügten die studierte Literatin Ondine Dietz und der aus Marseille in die Fächerstadt gesiedelte Künstler Jean-Michel Dejasmin ihre anfänglich private Neugier zu einem „artist research“ zusammen.

Dokumentiert werden die Karlsruher Kunstavantgarden, das Archiv reicht zurück bis zur Kaiserzeit und beleuchtet, wie vielseitig sich die Kunst in ihrer wandelnden Umgebung durch das vergangene Jahrhundert genähert hat. Die tief im Laufe der Stadtgeschichte verwurzelte Suche nach einem Verhältnis von Sein und Gesehenwerden, trägt mittlerweile musische Blüten, herausgekommen ist unter anderem das Bühnenstück „Fußball als Kunst im Karlsruhe der Kaiserzeit“, zu sehen erstmalig am 22. Juni 2018 beim Eckkultur-Festival im Dörfle am Künstlerhaus.

„Die Frage nach der Funktionalität ist auch eine kulturelle Frage“

Welche Strategien zur Verwirklichung beitragen, was zum Sand im Getriebe der oft mühsam aus Lohnarbeit und Menschsein herausgeschlagenen Arbeitszeit für diese Vorhaben wird, beantwortet Ulrike Tillmann vom Kollektiv Circus3000.

„Die Frage nach der Funktionalität ist auch eine kulturelle Frage“, bestätigt sie die Haltung der Künstlergruppe. „Willst du von “Zero“ anfangen, dich selbst verwirklichen? Oder dein Handeln im Kontext sehen?“ Die Gruppe hat sich 2011 erstmals auf der #UND5 präsentiert. Der Ansatz, Kunst zu den Menschen zu bringen, führte dazu, dass ein Wohnmobil die Karlsruher Kunst über die Alpen und schlussendlich nach Venedig zur Biennale trug. Getragen vom Erfolg der Gemeinschaft, der Erfahrung, dass Input auch Unterstützung ist und nicht immer kollegial motivierter Neidwind, hat der familiäre Wanderzirkus eine Solidarität ohne Hierarchie erarbeitet, die mittlerweile auf dem Schlachthof auch räumlich ihre Türen öffnet.

Das Agieren als Gruppe, die Verteilung der jeweilig projektbezogenen Rollen stellt persönliche Konflikte in den Hintergrund. Das gemeinschaftlich formulierte Ziel wird in Kooperation der Fähigkeiten verwirklicht, das familiäre Gefühl so von Ziel zu Ziel verstärkt. Jede*r hat einen Teil beizutragen, die Synergie wird künstlerisches Thema und soziale Leitplanke. Dass der Circus gemeinsam Urlaube erlebt, spricht für die Wirksamkeit der Schwarmstrategie.

Ob Wurzel oder Blüte, ßpatz oder Fledermaus – sowohl das Verständnis für als auch die Bereitschaft zu einem lebendigen Miteinander und struktureller Disziplin sind als überlebenswirksame Strategien hervorzuheben. Die Stärke einer Gruppe führt zwar vom kurzweiligen Weg der individuellen Verwirklichungskarriere ab, sie belohnt aber die künstlerische Existenz mit längerfristig gesicherten Umständen im Kollektiv. Abseits vom kapitalistisch ausgeschlachteten Produktmarkt der Kunstmessen und dem drohenden Vergessenwerden im nach Frischfleisch gierenden Galeriebetrieb werden nachhaltige Resonanzräume für Ideen und Ausdrucksformen erarbeitet, die Vorbild und Reibungsfläche für nachkommende Avantgarden bilden.

Der mühsam bestellte Nährboden einer Stadtkultur mag nicht für alle Aspirant*innen auf die große Egoshow, als das naheliegendste Glück erscheinen. Doch der Trend, Narzissmus als Funktion mit Anerkennung zu belohnen, führt für die Gesamtheit in eklatante Ungleichheiten und die meisten Kollegen langfristig ins Prekariat. Ein Markt, der konstant mehr Verlierer als Sternchen hervorbringt, muss sich fragen lassen, wo seine Ideale liegen.

Das Wir ist der wahre Star. Die hier beschriebenen Gemeinschaftsprojekte können uns allen ein Vorbild sein, wenn wir nur daran glauben wollen, dass es solidarischer zugehen kann in unserer Welt. Belohnen wir nicht weiter die Gier. Schaffen wir eine neue Natur des Miteinanders.

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