Beiträge für eine Lebendige Streitkultur in Karlsruhe

Interview

Aktion. Kollektiv. Theatral.

Interview mit einem Aktionskollektiv zwischen Kunst und Politik

A.K.T. Aktion beim DGB Fest am 01. Mai 2016 (Foto: A.K.T.)

Mit öffentlichkeitswirksam inszenierten Aktionen schaffte es AKT [aktion kollektiv theatral] immer wieder, den Schleier von politischen Themen zu lüften und aus der öffentlichen Nichtbeachtung ins Rampenlicht zu rücken. Sei es bei Aktionen gegen Rechtspopulismus, der Abschiebepraxis in Karlsruhe oder zuletzt bei der Kampagne ,,Spart’s euch!“

Unser Redaktionsmitglied Benedict Holbein hat mit den Agierenden gesprochen.

Wer seid ihr und was veranlasste euch zur Gründung von AKT?

Die Gründung von AKT [aktion kollektiv theatral] steht in engem Zusammenhang mit den ersten Aufmärschen von KARGIDA vor etwa zwei Jahren. Ursprünglich bestand die Gruppe beinahe ausschließlich aus Beschäftigten des Badischen Staatstheaters, hat sich aber schnell über diese Schranken hinweg personell erweitert. Der Kern der aktuellen Zusammensetzung von AKT [aktion kollektiv theatral] arbeitet seit eineinhalb Jahren zusammen. Am Anfang waren es politische Menschen, die in der hiesigen Parteien- und Gruppenlandschaft noch keine politische Heimat gefunden hatten. AKT [aktion kollektiv theatral] ist undogmatisch und aktionsbezogen, und genau deswegen so aktiv.

Schnell wandten wir uns auch anderen Themen zu. Protestaktionen gegen Abschiebungen folgten, aber auch Performances zur Neoliberalisierung des Arbeitsmarktes und Aktionen gegen TTIP. Wir veranstalteten die Antirassistischen Aktionstage Karlsruhe mit, haben „Spart´s euch!“ initiiert und waren bei etlichen Großprotesten beteiligt, zum Beispiel beim G7-Gipfel in Elmau und bei AfD-Bundesparteitagen in Stuttgart und Bremen, Antira-Demos in Frankfurt und 1.Mai-Demos in Berlin und Stuttgart.

Bestimmte politische Themen stehen nicht isoliert, sondern sind miteinander verknüpft. Wir möchten daher nicht ein Problem isoliert bearbeiten. Antifaschismus, Antirassismus und Antikapitalismus, zum Beispiel, müssen Hand in Hand gehen.

Theatralik steckt in eurem Namen. Wie seht ihr die Rolle von Kunst in der Politik?

Wichtiger als die Rolle von Kunst in der Politik ist für uns noch die Rolle von Kunst in der Gesellschaft als politisches Mittel. Wir suchen Ausdrucksformen, um Menschen – je nach Situation – entweder aufzurütteln und zu informieren oder zu stören und zu provozieren. Dazu wählen wir verschiedene Mittel, bis hin zur klassischen Performance.

Durch die Vieldeutigkeit von Kunst entstehen im besten Fall Leerstellen, die mit herkömmlichen Erklärungsmustern nicht mehr deutbar sind. Kunst bietet die Möglichkeit, gleichzeitig Räume zu öffnen, den Ball zurückzuspielen und zu agitieren, weil jede*r beim Betrachten der Aktionen auf sich selbst zurück geworfen ist. Wir können bestehende Situationen kritisieren, den Leuten und der Gesellschaft den Spiegel vorhalten und gleichzeitig die Zustände als veränderbar darstellen.

Für die Kampagne „Spart´s euch!“ bildete sich ein breites Bündnis. Wie verortet ihr euch in der politischen Landschaft in Karlsruhe?

Bei AKT [aktion kollektiv theatral] kommen verschiedene politische Einflüsse zusammen. Wir haben unterschiedliche Hintergründe, aus denen heraus wir agieren und argumentieren. Wir haben uns dazu entschlossen, dass wir die Theorie nicht vor die Praxis stellen, sondern beides miteinander entwickeln. Konkret heißt das, dass wir im Planen von Aktionen die unterschiedlichen Bewertungen, Haltungen und Lösungsansätze diskutieren und uns anhand der Aktion auf inhaltliche Koordinaten einigen.

In Karlsruhe sind wir inzwischen gut mit anderen Gruppen vernetzt, wir stehen im Austausch und planen punktuell gemeinsame Aktionen. Außerdem sitzen wir in verschiedenen Bündnissen.

Bei „Spart´s euch!“ waren wir Teil einer breit aufgestellten Kampagne, die nicht auf das linke Spektrum beschränkt war. Das Interesse war groß, die direkte Beteiligung lag aber mehr bei den ohnehin politisch Aktiven in Karlsruhe. Einige sagten ihre Unterstützung zu, hatten aber Angst, sich offen zu positionieren, weil sie um ihre Stelle oder die Zuwendungen Karlsruhes an ihre Institution fürchteten. Hieran sieht man, wie Entsolidarisierung in der Gesellschaft gezielt vorangetrieben wird.

Was ist die Motivation für eure Arbeit und wie kann man euch dabei unterstützen?

Wir glauben, dass Gesellschaft anders möglich ist und sein muss. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es selbst im kleinsten Rahmen und mit wenig Leuten mit etwas Phantasie möglich ist, etwas zu bewegen. Wir glauben, dass es gerade in linken Kontexten oft der Rückzug in die eigene „Szene“ ist, die uns unpräsent und schwach macht.

Wichtig ist für uns der Begriff der Selbstermächtigung, dazu wollen wir ermuntern. Sich darauf zu verlassen, dass es schon jemand anders tun wird oder Aussagen wie „Bringt doch alles nichts!“ sind für uns keine Handlungsoptionen mehr. Wie kann man uns unterstützen? Ermächtigt euch, tretet raus und werdet aktiv…

Das Thema Geflüchtete und der gesellschaftliche Rechtsruck in Europa waren 2016 herausragende politische Themen. Wie sieht eure Bilanz aus?

A.K.T. Protest gegen Abschiebung in der Karlsruher Innenstadt (Foto: A.K.T.)

Wir sind immer wieder erschlagen davon, was gesellschaftlich gerade passiert, auf wie vielen Ebenen und wie sehr sich der Diskurs verschiebt. Plötzlich sind Dinge möglich, die früher – also noch vor drei Jahren – undenkbar waren. Dass Kargida hier jede zweite Woche laufen darf und es niemanden wirklich interessiert, ist für uns immer noch unglaublich. Viele ihrer ersten Forderungen sind inzwischen von etablierten Parteien vertretene Haltungen und werden nach und nach umgesetzt.

Die Menge an Problemen macht in ihrer Gesamtheit hilflos. Deshalb versuchen wir möglichst konkrete Anhaltspunkte zu finden, an denen wir einhaken können, um dazu beizutragen, den Diskurs wieder umzulenken, und solidarische Prozesse anzustoßen.

Zu guter Letzt: Was kommt als nächstes? Was habt ihr euch für dieses Jahr vorgenommen?

Beginnen wir mal mit dem Erfreulichen: wir organisieren eine revolutionäre 1.Mai-Demo in der Südstadt. Gemeinsam mit möglichst vielen linken Gruppen aus Karlsruhe wollen wir kämpferisch und laut antikapitalistische Haltungen auf die Straße tragen.

Wir wollen dieses Jahr wieder verstärkt Abschiebungen thematisieren. Die Entwicklungen in der Flüchtlingspolitik Deutschlands und der EU sind unerträglich. Systematisch wird das Recht auf Asyl ausgehöhlt und Geflüchtete werden kriminalisiert. Abschiebungen werden inzwischen in der Bevölkerung nicht nur toleriert, sondern immer öfter sogar gefordert. Deshalb wollen wir eine Gegenöffentlichkeit schaffen und informieren über die Entscheidungsprozesse mit ihren Verantwortlichen, den Abschiebevorgang und über die Zustände, in die Menschen abgeschoben werden. Das reicht uns aber nicht. Wöchentlich finden Abschiebungen aus Karlsruhe statt. Wir werden weiter versuchen den reibungslosen Ablauf der Abschiebungen zu stören und fordern dazu auf, sich daran zu beteiligen.

Auch dieses Jahr müssen wir uns leider immer noch gegen Nazis stellen in dieser Stadt. Der TddZ rückt näher und „Karlsruhe wehrt sich“ läuft weiter. Da heißt es hingehen, Aktionen machen, Nazis behindern, eigene Inhalte auf die Straße bringen. Genauso gegen die AfD und ihre Funktionäre.

Dann ist die Bundestagswahl ein entscheidendes Ereignis dieses Jahr. Umso mehr, als Michel von AKT [aktion kollektiv theatral] für DIE LINKE in Karlsruhe kandidiert und das auf Listenplatz 6 der Landesliste, das heißt: ein Einzug in den Bundestag ist auf jeden Fall möglich. Wir werden ihn unterstützen.

Daneben gibt es den G20-Gipfel in Hamburg und das G20-Finanzministertreffen in Baden-Baden, Proteste bei denen wir teilnehmen werden. Oft reagieren wir auch relativ spontan auf aktuelle Ereignisse, diese Liste bleibt also offen. Langweilig wird uns jedenfalls nicht.

Wir danken euch für das Gespräch.

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