Beiträge für eine Lebendige Streitkultur in Karlsruhe

Stadtleben

Stadtgespräch zu Stadtentwicklung

Mit Die Anstoß e.V.

links: Christian Hennig (CH), rechts: Malte Pawelcyk (MP) unten: Robert Loos (DS)

CH: Sanierungsprozess meint Aufwertung von Stadtraum. Von Seiten der Anstoß stehen wir der oft damit einhergehenden Verdrängung kritisch gegenüber. Viertel werden aufgehübscht, Mieten steigen,  Bevölkerungsschichten ausgetauscht. Was wir möchten, ist, daß ein Sanierungs- oder Aufwertungsprozess im besten Fall gemeinsam  stattfindet. Also, daß die Leute, die im Stadtteil wohnen oder jetzt ein Gewerbe vor Ort haben, auch mitreden können. Ich persönlich finde auch, daß es eine Stadt lebenswerter macht, wenn es Geschäfte gibt, die mehr oder weniger mit dem Stadtraum interagieren als die, die klar davon abgeschottet sind, wie z.B. Spielcasinos.

MP: Gegen die Ein-Euro-Shops an sich habe ich nichts, aber als Stadt würde ich versuchen, zu kuratieren, was für eine Art Ein-Euro-Shop sie wohin setzen.

DS: Handy-Shops, Spielhöllen – die Stadt reagiert auf ihre Art, weniger angeschlossene Ecken der Stadt zu kuratieren und blinde Stellen zu öffnen. Die Frage ist ja auch, was diese jetzt entstehenden Leerräume füllen wird oder sollte. Was hat die Stadt, was habt ihr für Ideen? Wie läuft die Zusammenarbeit ab? Ihr habt ein Strategiepapier entwickelt, welche Punkte für die Entwicklung seht ihr als dringend an und wie habt ihr diese im Papier verarbeitet?

CH: Das Papier ist aus dem Verein heraus entstanden, aus Eigeninitiative und hier im ßpace.  Viel Input kam über persönliche Kontakte. Beteiligt waren nicht nur studierte Architekten*innen und Stadtplaner*innen. Aber alle, die auf ihre Art im Stadtteil Innenstadt Ost verortet sind, sollten sich einbringen und somit als aktive*r Quartiersakteur*in teilnehmen und Präsenz zeigen können. Der Gedanke war, mitzusteuern und Input zur Verfügung zu stellen. Wir haben den von der Stadt angestoßenen Veränderungsprozeß als Chance verstanden, mitzuwirken.

DS: Christian, du bist angestellt als Stadtplaner in einem Planungsbüro – was macht das mit dir persönlich, wenn du eingreifen und mitwirken kannst, wenn du gefragt wirst, was deine Ideen sind?  

CH: Ich sehe in meiner Berufspraxis viel von der „anderen Seite“. Wir machen hauptsächlich städtebauliche Konzepte, Rahmen- und Bebauungspläne. Man sieht, wie die Entscheidungen auf der politischen Ebene getroffen werden. Wir im Büro sind oft Dienstleister und als solche an die bestehenden Prozesse gebunden. Meine Vereinsarbeit sehe ich als Ergänzung dazu. Hier versuche ich eher auf nachbarschaftlicher Ebene zu wirken.

DS: Wie weit kann denn aus deiner Sicht als Planer der soziale Nutzungsfaktor die Planung von Gebäuden mitgestalten? Wie wird das beispielsweise am Kronenplatz umgesetzt? Geht die Stadt gegen etwas vor, will sie bestimmtes unterstützen?

CH: Die letztendliche Platzgestaltung machen Landschaftsarchitekten*innen. Für die Konzeptionierung sind entweder die Stadt oder in Kooperation die Planungsbüros zuständig. Wir arbeiten  beispielsweise viel mit einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft zusammen, in deren Planung auch Soziologen*innen zu Wort kommen. Wo brauchen wir ein Bürgercafé, wo eine Jugendeinrichtung? In Bebauungsplänen müssen alle relevanten Ämter und Institutionen einbezogen werden. Da geht es beispielsweise um Lärm- und Artenschutz, aber auch die Polizei nimmt Stellung zu sicherheitsrelevanten Fragen wie Angsträumen.

DS: Laut Kriminalstatistik ist der Kronenplatz nicht außergewöhnlich. Die Wahrnehmung der Bürger*innen nach den Sicherheitsumfragen der Stadt sieht anders aus.

CH: Ich persönlich sehe kein Problem mit der Sicherheit vor Ort. Es reicht ein verärgerter Anruf, um die Wahrnehmung zu verzerren.

DS: Mit dem ßpace lebt ihr eine offene, willkommen heißende Kultur des Miteinanders vor. Reflektieren eure Ansprechpartner*innen im öffentlichen Betrieb eure Ideale? Kommt von euren Strategien langsam etwas in der Planungskultur an? Werdet ihr als Plus verstanden oder nimmt man euch eher billigend in Kauf?

MP: Unser Einfluss auf die Stadt und ihre Planungspolitik ist sicher nicht signifikant. Aber wie am Artikel in der BNN und an der Raumvergabe an Cola Taxi Okay sichtbar wird, haben wir mit unseren Aktivitäten ein Bewusstsein dafür erzeugen können, daß Räume für Bürger*innen nicht nur kommerziell gestaltet werden sollten. Was bei uns gut läuft, wird teils im Stadtmarketing als Zwischennutzung ausprobiert und als Konzept beobachtet.

DS: Kompliment. Wie lange gibt es euren Verein jetzt?

MP: Raumeröffnung war 2015, den Verein gab es schon etwa anderthalb Jahre zuvor. Allerdings sind wir hier auch nicht unkündbar. Sollte eben ein Investor unsere Räume anfragen, bleibt zu beobachten, wie die Karlsruher Fächer GmbH als Tochter der Stadt und das Stadtmarketing reagieren. Wir hoffen, weiterhin als positiver Einfluss auf das Stadtbild verstanden zu werden, abseits von der rein kommerziellen Nutzung – der Belebung der östlichen Kaiserstraße durch mehr Passanten.

DS: Inwiefern federt denn eure Erfahrung aus der Zusammenarbeit mit Stadt und Verwaltung in die Vereinsarbeit zurück? Sind die komplexen organisatorischen Prozesse der Stadtverwaltung für euch als Quartiersakteure auch lehrreich?

CH: Kurz zu der Frage davor: Seitens der Stadt ist es sicher nicht das Ziel, die Innenstadt Ost der Konsumstruktur Innenstadt West anzugleichen. Hier soll der Fokus eher darauf liegen, jungen Leuten einen Stadtteil zu bieten, wo sie sich begegnen können. Dazu sollen die Institutionen vor Ort, beispielsweise das KIT und das Jubez, auch räumlich stärker verbunden werden. Natürlich sind wir als Verein ein Stück weit von öffentlichen Geldern und deren Verteilung abhängig und für diese Förderung sind wir sehr dankbar. Aber instrumentalisieren lassen wollen wir uns auch nicht. Die Dynamik einer Gentrifizierung sehen wir klar als Gefahr und versuchen, uns in diesem Spagat immer bewusster zu positionieren.

DS: Was sind da eure Ansatzpunkte? Gibt es klare Arbeitsziele euren direkten Umraum Kronenplatz betreffend oder seht ihr erst mal zu, wie sich euer Engagement in den Status Quo integrieren lässt?

MP: Sicher beides. Mit den Paletten-Bänken vor unserem Raum beispielsweise haben wir bewusst eingegriffen. Wir wollten einen Ort erzeugen, an dem man sich auch aufhalten kann, ohne Geld auszugeben.

CH: Thema Wettbüro oder Spielsalon – das sind eben Orte, die sich bewusst abschotten.

DS: Orte, an denen du konsumieren MUßt..

CH: Genau. Aus den Anfängen der Anstoß erinnere ich mich an Prinzipien, die wir aus den Theorien der dritten Orte des Stadtsoziologen Ray Oldenburg entwickelt haben. Seine Grundsätze: öffentlich kreative Orte sollten nicht allein kommerziell ausgerichtet sein, sondern Menschen jeden Alters, jeder Ethnie offen stehen. Der Fokus soll weg vom passiven Konsumverhalten zum aktiven Verhalten der Produzenten, des Mitgestaltens und Einbringens eigener Ideen und Meinungen.

DS: Dieses Mitgestalten leistet ihr unentgeltlich, ehrenamtlich. Wie kriegt ihr das denn in euren persönlichen Alltag integriert? Was ist als Privatperson machbar?

CH: Die Investition ist sehr unterschiedlich, auch projektabhängig.

MP: Wo fängt das Freizeitding an, wo das Anstoßsystem? Das ist bei mir fließend. Die Vereinsarbeit findet eigentlich ständig statt, in Begegnungen im Privaten und Beruflichen sammeln sich aus Gesprächen neue Ideen und Strukturen. Mal macht man zwei Wochen nicht so viel, dann folgen vielleicht wieder Tage mit mehr Organisationsarbeit am PC. Wir haben jede Woche Treffen von etwa zwei bis drei Stunden mit dem Verein, da muss nicht jede*r immer präsent sein, aber die Regelmäßigkeit hilft bei der Verwirklichung der Vorhaben.

DS: Zu eurem Verein gehören noch viele andere Akteure aus unterschiedlichsten Interessenrichtungen. Wie bindet ihr diese Unterschiedlichkeiten in den Planungsprozess eurer Arbeit ein? Habt ihr, gerade unter Berücksichtigung eurer Erfahrung mit den Makroprozessen der Stadtentwicklung, einen experimentellen Fokus der Vermischung oder wird das Miteinander strukturell anhand der Fähigkeiten eurer Akteure und mit Schwerpunkt „get the job done“ eher auf Effizienz gestaltet?

MP: Wenn du diese Pole aufmachst, ist das Experimentelle und Veränderliche bei uns im Vordergrund. Es gibt bei uns aber auch in ihrem Berufsfeld gut ausgebildete Mitglieder, warum sollten wir also nicht davon profitieren und dieses Wissen gezielt zu Sachfragen nutzen? Feste Projektteams gibt es nicht, wer sich nicht mit einem Projekt identifizieren will, macht eben etwas anderes.

CH: Es geht ja auch darum, was jemand gelernt hat und was eine*n interessiert. Manchmal kannst du es dir aber auch nicht rauspicken, da muss einfach irgendwer die Arbeit machen.

DS: Meine Frage zielt auf eure Gemeinschaft, auf euer Verständnis von Teamarbeit. Für mich seid ihr auf dieser Ebene ein Vorbild. Ihr arbeitet sehr effizient in Strukturen mit wechselnden Teilnehmern, ein Vergleich mit der Makroebene einer Stadtkultur liegt nahe und wirft die Frage auf, wie es euch gelingt, aus Unterschiedlichkeiten eine Zusammenarbeit herzustellen, in der sich jede*r berücksichtigt fühlt. Kommt das Muster bei euren Beobachtern an?

CH: Natürlich wünscht man sich, daß Zusammenarbeit längerfristig ist. Von einer ständigen Durchmischung profitieren wir jedoch in dem Maße sehr, als daß es immer wieder neue Impulse gibt.

MP: Wir arbeiten zudem ohne Verpflichtungen.

CH: Neue Leute können neue, andere Sachen. Die werden hier unheimlich schnell integriert. Und wenn jetzt jemand Bock hat, nach zwei Monaten mehr Verantwortung im Team zu übernehmen, ist das ein gutes Zeichen für die Verwirklichung einer gemeinschaftlichen Idee.

DS: Und die lasst ihr dann erst mal machen? Ist das eure Idee von Integration? Was sagt da eure Erfahrung mit den öffentlichen Regularien? Ich beispielsweise wünsche mir für euch die Anerkennung in dem Maße, daß auch die Stadt von euch lernen konnte und hoffe im Interesse unserer Mitbürger, sie wendet dieses Wissen auch an. Checken die das? In der Stadtverwaltung sind eben viele Positionen als Karriere fixiert, bei euch fließen die Aufgabenbereiche freier ineinander. Das beinhaltet die Gefahr des Chaos, oft beschworen von den Predigern der Ausgrenzung. An euch sehen wir, daß ein Miteinander davon profitieren kann, wenn Unterschiede nicht als Problem verstanden werden.

MP: Das mussten wir auch erst lernen und anfangs waren unsere Strukturen sicherlich noch geschlossener. Da waren einfach Kapazitäten zu wenig und die Gefahr einer reinen Diskussion ohne Umsetzung noch nicht von der Hand zu weisen. Wenn einfach jede*r durcheinander quatscht, kommst du nicht weiter. Das sehr offene Modell,  in dem unsere Arbeit leichter zu beobachten und mitzugestalten ist,  gibt es jetzt etwa seit zwei Jahren. Als Utopie, weit abseits von Perfektion, wünschen wir uns selbstverständlich, daß unser Umgang mit neuen Impulsen Nachahmer*innen findet. Ich sage den Menschen immer, komm einfach mal vorbei und schau, wie du dich einbringen kannst.

DS: Gibt es denn in Karlsruhe die Möglichkeit, abseits von einer Karriere- oder Förderungskultur, mitzumachen? Ist eine*r zu wenig, um zu gestalten? Wo kann ich denn hingehen, wenn mich etwas an der Stadtpolitik nervt oder ich Fragen habe, die nicht mit einem Infoblättchen gedeckt sind?

MP: Es gibt zum Beispiel Bürgerforen. Im Rathaus sind manche Sitzungen öffentlich, es besteht also die Möglichkeit, die Politik zu beobachten und mitzureden. Man muss nur hingehen.

CH: Ein klassisches Beispiel sind die Bürgerveine, die für die Bewohner*innen eines Stadtteils Forum sein können und wo Meinungen Gehör finden. Was ich auch beobachte, ist eine krasse Auseinandersetzung von privaten Initiativen mit Projekten der Wirtschaft. Da regt sich organisierter Widerstand gegen die Vereinnahmung des öffentlichen Raumes durch Investoren.

DS: Das Engagement in der Karrierepolitik hat noch andere Bedingungen zu berücksichtigen, nennen wir es mal „nicht die Hand beißen, die einen füttert“. Wie erlebt ihr diese Beziehungen in euem ehrenamtlichen Kontakt mit den Stellen, die euch fördern? Seht ihr für euch persönlich eine Zukunft auf „der anderen Seite“?

MP: Du sagst jetzt „andere Seite“. Wir arbeiten ja nicht prinzipiell gegen die Stadt oder gegen konkrete Zustände.

CH: Wir forcieren eher alternative Lösungen.

MP: Und das schon aus einem Mix-Gedanken. Also wenn jemand auf uns aufmerksam wird und mit uns kooperieren möchte, schauen wir, was macht Sinn. Und das nicht nur aus dem Effizienz-Gedanken, sondern unter dem Gesichtspunkt gute Zusammenarbeit. Da machen wir sicher nicht nur gute Erfahrungen, aber bemühen uns wieder und wieder, Kooperationen aufzunehmen, egal, von welcher Seite sie kommen.

CH: Warum sollten wir das auch nicht machen? Es bleibt ja unser langfristiges Ziel, mit der Stadt zusammenzuarbeiten. Dabei achten wir darauf, die oben angesprochenen Ideale nicht über den Haufen zu werfen.

DS: Gibt es so etwas wie eine rote Linie?

MP: Klar. Sexismus, Faschismus zum Beispiel. Mit wem möchte man von Unternehmensseite zusammen in der Öffentlichkeit stehen? Klar diskriminierende Inhalte und Personen sind für eine Gemeinschaft schadhaft und wir schützen das Miteinander vor Hetze und Trennung.

CH: Man hat in der Planung von Veranstaltungen einerseits eine riesengroße Freiheit. Für die Arbeit in einer Stadt sind andererseits gewisse Verteilungen und Grenzen schon vorgegeben und es wird unsererseits geguckt, wie wir das anwenden.

DS: Euer Verein lebt größtenteils vom Engagement junger Menschen, deren Leben noch viel Wandel erfährt. Dagegen ist die organisatorische Disziplin, beispielsweise einer Stadtratssitzung, eine verlässlichere Struktur.

MP: Tendenziell versuchen wir auf diese Verlässlichkeit hinzuarbeiten.

CH: Nochmal zu der Frage, wie und welche Strukturen von unserem Verein sich auf städtische Systeme übertragen lassen. Wie Malte vorhin schon angesprochen hat, vermischt sich hier vieles von Freizeit und Privatleben bis zur Arbeit im Studium oder Beruf. Das macht Spaß und das wollen wir auch zeigen und beibehalten.

DS: Ohne direkten Auftraggeber könnt und müsst ihr eure Vorhaben frei gestalten, seid also wesentlicher breiter in der Förderung aufgestellt, als die Stadt, die an weniger, wenn auch ungleich größeren Töpfen sitzt. Was ist Vorteil eurer Mechanik, was treibt euch an, so zu arbeiten?

CH: Worauf man Lust hat, das kann man umsetzen. Da sind wir halt auch freier. In Hinblick auf die Zukunft gesehen, wünschen wir uns, daß das Projekt wächst. Und dafür entwickeln wir auch effiziente Abläufe, aber unter den Gegebenheiten unserer Gruppendynamik.

MP: Du hast vorhin die Zielsetzung angesprochen. Wenn durch unsere Präsenz auch nur zehn Menschen im Jahr das Bewusstsein entwickeln, wie wichtig und schön es ist, an einem gemeinschaftlichen Ort ohne Konsumzwang miteinander zu sein, dann ist das ein großes Glück für uns.  Die nehmen das Gefühl mit in ihren Lebensentwurf, tauschen sich im besten Fall noch darüber aus, was Stadtentwicklung oder -bild sein kann. Da ist das Direkte unsere Stärke, das können und wollen wir als Ergänzung zur teils verklausulierten Mechanik der Stadtpolitik leisten. Und wir spüren da auch kontinuierlich Feedback von Leuten, die sagen, schön, daß es so was gibt. Und manche überlegen bereits, was können sie tun, aus ihrem Interessensfeld heraus, um die Stadt ein bisschen schöner zu machen oder sich selbst zu verwirklichen.

DS: Also sind „die Anderen“ für euch eher Bereicherung als Belastung? „Das Andere“ wird eher zelebriert als klein gehalten?

MP: Ja. Wie auch vorhin schon gesagt, nicht gegen, sondern mit dem Anderen.

CH: Was ist für dich das Andere?

DS: Das Andere als das Äußere. Wir haben die Gelegenheit, Kontakt aufzunehmen und zu lernen oder wir sagen, ich weiß schon alles oder genug und schließen so Möglichkeiten aus. So lassen wir das Andere das Äußere bleiben, weil es eben auch nicht das Eigene wird. In eurer Struktur lasst ihr das Andere zu. Ihr ladet Leute ein, um euren Raum zu füllen. Darüber hinaus füllt ihr aber eure Leben, die Gedanken, die ihr mit nach Hause nehmt. Und ihr füllt für andere quasi auch die Schablonen aus, vor deren Kontur sie noch eine Scheu haben. Teils ergibt sich diese Scheu aus Unkenntnis, teils aus unsauber hergeleiteten Sozialkonstrukten. Bei euch wird aus verschiedensten Leitungen produziert und es kommt immer etwas Gutes heraus. Ich lerne von euch, wie wir einen Weg finden können, wie das Verschiedene genutzt werden kann.

MP: Was heißt „was Gutes“? Wir produzieren halt. Wir machen halt was.

CH: Wir zeigen, wie es gehen kann.

MP: Genau. So, daß Leute auch sehen können, es ist vielleicht gar nicht so schwer. Wenn ich also eine Projektidee hab, komm ich hierher und tausche mich einfach mal aus. Das muß ja nicht unter unserem Dach passieren, aber hier bekommen Menschen Informationen und Anregungen zu eigenen Vorhaben.

CH: Bei mir persönlich ist bereits eine Entwicklung zu einem Bewußtsein zu spüren. Für mich  ist die Arbeit seit der Gründung dieses Vereins eine Riesenbereicherung. Wie der Name „Die Anstoß“ schon sagt, soll etwas angestoßen werden. Ich bin seit zehn Jahren in Karlsruhe und merke deutlich, daß sich da etwas getan hat, daß Leute auch etwas mitnehmen wollen von solchen Initiativen. Reine Profitveranstaltungen erzeugen einen anderen Charakter als ein gemeinschaftlich erarbeitetes Fest, isolieren vielleicht die Konsumerfahrung, vernetzen aber nicht die Teilnehmer.

DS: Gibt es bei euch so etwas wie eine ältere Generation, von der die Jüngeren lernen und umgekehrt? Wie funktioniert da der Erfahrungsaustausch? Habt ihr eine Wissenshierarchie?

CH: Den Verein gibt es nun noch nicht so lang, also fällt es schwer, von Generationen zu sprechen. Von den Gründungsmitgliedern sind noch Norina, Lisa und ich dabei. Anfangs waren wir etwa zehn Leute, heute sind wir um die zwanzig, von denen vielleicht fünf grad aus verschiedenen Gründen pausieren. Malte ist seit dem zweiten Jahr dabei. Davon haben wir aber keine Hierarchie abgeleitet, wir haben aber sogenannte Vorstandsämter. Die sind rein funktional, wie etwa die Raumorganisation oder die Pflege der Website. Jeder, egal wie lang dabei, findet seinen Platz.

MP: Generation ist ein starkes Wort. Aber wir haben Leute, die länger dabei sind und schon Projekte verwirklicht haben, und eben welche, die man vielleicht anfangs unterstützend in das Miteinander führt. Da besteht aber ein fließender Übergang, in dem jede*r schnell ein Amt ausüben oder ein Projekt anstoßen kann.

CH: Neulich waren wir bei einem Stück am Staatstheater eingeladen, um unseren Verein zu präsentieren. Das hat dann Adrian gemacht, der auch schon seit drei Jahren dabei ist und daher einfach kompetent berichten konnte, was hier Sache ist.

DS: Aber im direkten Vereinsablauf gibt es keine Ordnung, nach der man sich klein oder groß machen kann? Hat jede*r das gleiche Stimmrecht? Mich interessiert auch, in wie weit die Persönlichkeit die Funktion gestaltet.

MP: Wenn du länger dabei bist, bist du sicherer in deinen Beiträgen. Das hat sicher Gewicht in einer Runde. Die wenigsten, die neu sind, sagen sofort superviel.

CH: Ok, das ist ein Automatismus. Aber sonst leben wir hier sehr flache Hierarchie.

DS: Interessant ist hier, wie ihr anders arbeitet. Eben nicht hierarchisch, zumindest flach. Trotzdem erzielt ihr nachhaltige Ergebnisse für den Mitmenschen und im Lebensfeld Stadt , das sonst über Kennzeichnungen, Berufshierarchien und Leistungsaustausch gegliedert ist. Seid ihr so eine Art WildCard für die Stadtentwicklung? Könnt ihr Prozesse anstoßen, die eine Stadtverwaltung nicht angehen kann?

MP: In einer Stadt gibt es viele, unterschiedliche Interessen. Wenn ich das mal theoretisieren darf: Ich glaube, daß die Menschen, die wirklich viel zu sagen haben, an ganz andere Dinge gebunden sind. Sowohl der Stellenwert als auch das jeweilige Interesse sind da zu berücksichtigen. Insgesamt sagt vielleicht nicht die Stadt, wir wollen die Stadt attraktiv für junge Leute machen.

CH: Man darf auch nicht vergessen, daß wir in Zeiten des Kapitalismus leben. Natürlich ist eine Stadt auch daran interessiert, genügend Unternehmen zu haben, die Arbeitsplätze schaffen sollten, von denen die Bewohner*innen auch leben können. Vor drei Jahren veranstaltete die Stadt eine Ideenwerkstatt, zu der verschiedene Initiativen eingeladen waren, um Teile des Areals hinter dem Bahnhof zukünftig wieder kulturell zu nutzen..

DS: Woran liegt es denn aus eurer Sicht, daß Herr Dommermuth nun den Zuschlag bekommen hat?

MP: Das Areal war lange ungenutzt. Zumindest wirtschaftlich.

DS: Das ist ja der Punkt. Es waren ja Menschen vor Ort produktiv.

CH: Das schon. Die Stadt hat jedoch seit über dreißig Jahren versucht, das sogenannte Filetstück zu verkaufen. Aus Sicht der Stadt hat sich nun endlich ein Käufer gefunden. Nachdem also lange zu dem Thema nichts zu hören war, haben wir aus der Zeitung erfahren, daß es beendet ist und United Internet dort bauen wird. Vielleicht hätten wir gerne einen Anteil der Fläche für kulturelle Nutzung gesehen, aber das ist nun nicht mehr zu ändern. Kultur und Kreativität, das wissen auch die Stadtplaner*innen, führen zu einem angenehmen Lebensgefühl. Was gern übersehen wird, ist die Bedeutung einer freien Szene für das Lebensgefühl der Bürger*innen. Das geht in Städten mit mehr Leerstand einfacher, in Karlsruhe haben wir nur etwa zwei Prozent Leerstand und der ist zudem hart umkämpft. Beispiel Kreativpark Alter Schlachthof – einerseits ein Kreativareal, aber dort steht die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund und gewisse ideelle Freiräume sind nicht mehr vorhanden.

MP: Exemplarisch ist dort zu beobachten, wie die Kreativität den Spagat zur Wirtschaft schaffen kann oder eben auch nicht. Das hat die Stadt meines Erachtens ganz gut gemacht, ich finde das Ergebnis nicht schlecht.

DS: Letzte Worte an die, denen die Stadt am Herzen liegt? Was hat euer Weg euch gezeigt, was für eure Mitmenschen ein Anstoß sein kann?

CH: Ich denke, daß Kooperation innerhalb und zwischen den Szenen, vor allem aber unter Menschen unheimlich wichtig ist und sich positiv auf die eigene Arbeit auswirken kann. Am Kronenplatz werden wir im September mit ColaTaxiOkay und Jubez zusammenarbeiten. Der Blick in alternative Veranstaltungskalender kann auch nicht schaden. Synergie stärkt den Akteur. Was allein das Studium angeht, habe ich erst durch den Verein hier entdeckt, wie viel schon zusammen gearbeitet wird und wo ich mitmachen kann.

MP: Ja. Wenn du auf eine Veranstaltung kommst, und du weißt noch nicht alles – sprich mit den Leuten. Geh zur Bar, frag nach, was da geht. Sei neugierig, erschließe dir neue Perspektiven. Der Kontakt wird dich bereichern.

DS: Schön, daß es euch gibt! Danke für das Gespräch.

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