Beiträge für eine Lebendige Streitkultur in Karlsruhe

Schwerpunkt

Image frisst Charakter

Einleitende Worte zum Schwerpunkt Stadtentwicklung

Eine Stadt, die gerne Großstadt sein möchte; Technologieregion, Gründerregion, Kulturregion, Bildungs-, Umwelt-, Zukunftsregion…

Die Ratten sind schon da, die U-Bahn kommt bald, genau wie der IKEA. Stolze Errungenschaften wie der Primark und jüngst dem ersten Kentucky Fried Chicken, reihen sich ein, in die Konsumlandschaft aus Fastfood-Ketten und Kaufhäusern. Der Karlsruher SC spielt zwar drittklassig, aber dafür gibt´s ein neues Stadion. Die Studierendenzahlen steigen (noch), auch wenn das KIT nicht mehr „exzellent“ ist. Investoren strömen herbei, kaufen, bauen, modernisieren – Luxuswohnviertel, Bürokomplexe, Einkaufszentren. Die Stadt heißt sie und ihre Methoden willkommen. Im Sinne der wirtschaftlichen Vermarktung der Stadt, heißt es von Amtswegen auch mal beide Augen zudrücken beim Denkmal-, Mieter-, Umweltschutz. Die Mieten steigen. Den attraktiven Unternehmen, am attraktiven Standort, folgen zahlungskräftige Neumieter*innen und neureiche Eigentümer*innen, gemeinsam mit ihren attraktiven Erst-, Zweit- und Sportwägen. Während die Großinvestitionen in prestigeträchtige Bauten und Infrastrukturprojekte strömen, wird andernorts gespart; bei sozialen Einrichtungen, Integrationsträgern und in der Kultur. Letztere ist, wie Stadtvertreter* innen nie überdrüssig betonen, ein wichtiger Faktor für die Attraktivität der Stadt, ob als Aushängeschild oder Imageförderer der Stadt. Immerhin wollen die Hochqualifizierten, Experten, Gründer, Unternehmer, die Scharen der nach Karlsruhe drängenden Eliten auch standesgemäß unterhalten werden. Der simplifizierten Stadtstrukturierung, in der einheitlichen Vermarktungsstrategie – der Marke Karlsruhe – gerecht, ist die wirtschaftliche oder imagefördernde Relevanz etwaiger kultureller Einrichtungen ausschlaggebend, ob sie die Schaufenster der Stadt schmücken, oder ihre kurze Existenz in der Dunkelheit der Nische fristen müssen, bis für diese, auch endlich eine findige kommerzielle oder institutionelle Nutzung herbei konzipiert wird. Eine Schablone, die man beliebig über andere Bereiche wie Sport-, politische und soziale Projekte legen kann. Spitze muss es sein, besser exzellent oder wenigstens etwas zur netten Auflockerung, der punktuellen Kolorierung beitragen können. Die lokalromantischen Traditiönchen, einer Stadt, die gerade 300 wurde, etwa das Fest, sind längst der Stadtausrichtung angepasst. Vom Geheimtipp als stadtinternem, familiär-gemütlichen Festival, zum überregionalen Megaevent, inklusive Weltstars, Ticketschwarzmarkt, Werbeflächen wohin das Auge reicht. Indes spielen lokale, unbekannte Künstler*innen maximal eine Statistenrolle.

Ehemalige Ecken der Subkultur sind längst der massentauglichen Zerstreuungsindustrie zugeführt oder fallen durchs Raster der stadtkonzeptionellen Relevanz. Eine „Szene“ existiert unbeachtet, losgelöst von einem breiten, etwa studentischen Umfeld. Stattdessen gibt es Blasen. In denen sich, institutionell bedingt zusammengewürfelte Gruppen, wahlweise in ihrer Exklusivität oder ihrer Konformität suhlen. Nur echte Romantiker träumen noch von Hausbesetzungen, während die letzten Plätze mit Leben, dem sicherheitsbegründeten Säuberungsfimmel der Stadtkonservativen zum Opfer fallen. Überall brodelt und zischt es in unzähligen Mikro-Kosmen – die wie winzige Reservate, zwar keinerlei Bedeutung für das Drumherum entfalten, für die Bewohner*innen aber die ganze Welt bedeuten, in der jeder Halm mit Inbrunst verteidigt wird. Und weil die individuellen Lebensradien so begrenzt sind, ist kaum jemandem das Ausmaß der schleichenden Entwicklung bewusst. Wohin geht also die Entwicklung des badisch-sympathischen Städtchens am Rhein? Wird Karlsruhe irgendwann so groß, wie es immer sein wollte? Fällt es in ein tiefes, selbstgebaggertes Loch und darin in sich zusammen? Wird die Bevölkerung in einigen Jahren nur noch aus Eliten bestehen, die Straßen maximal wertschöpfungsgefüllt, mit deren überdimensionierten Verbrennerkutschen, in denen sie das Discounter-Essen in ihre Luxusappartements chauffieren?  Ihre durchmodernisierten Wohnviertel, sind endlich gesäubert vom Abschaum der Schmarotzer, die keine 1.500€ Kaltmiete aufbringen wollen, dem Geschrei und den freiheitsberaubenden geschwindigkeitsbeschränkten Spielstraßen wegen Kindern. Die Unis sind konsequent als industrielles Sperrgebiet, zur Massenproduktion von Fachkräften weiterentwickelt, Kultur- und Sozialangebote endlich gewinnorientiert aufgestellt und auf zwei bis drei anspruchsreduzierte, dafür preisgesteigerte Institutionen optimiert…

Wir hoffen nicht. Jedenfalls nicht, wenn es sich verhindern lässt. Denn Stadtentwicklung ist ein realer Prozess, der nicht ungesteuert dem Zufall, sondern komplexen Dynamiken und vor allem dem Engagement der Stadtbewohner*innen abhängt. Im amtlichen Rahmen von Konzepten gilt es, die gesteckten Grenzen zu nutzen, auszudehnen und zu überschreiten, um die Stadt zu derjenigen zu machen, in der wir leben wollen. In dieser Ausgabe gehen wir auf die Stadtentwicklung in verschiedenen Facetten ein. Wir werfen den Blick auf das integrierte Stadtentwicklungskonzept Karlsruhe und in der dreimal so alten Partnerstadt an der Saale. Am Beispiel Quartiersprojekt Südweststadt zeigen wir die Chancen nachbarschaftlichen Engagements auf. Die Fahrradrebellen von Critical Mass stellen ihre Vision der Stadtmobilität vor. Wie man sich einen Teil der Stadt aneignet und dadurch ganz nebenbei ein politisches Statement der Selbstverständlichkeit macht, zeigt das gesellige Beisammensein und die konsumzwangferne Freizeitgestaltung beim „Cornern“.

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