Beiträge für eine Lebendige Streitkultur in Karlsruhe

Bilderrätsel

Streik bei den Michelin Reifenwerken 1978

Auflösung des Bilderrätsels #5

Die Streikenden konnte auf breite Solidarität vertrauen (Bild: Kostenfaktor Arbeit, Vertrauensleute der Michelin Reifenwerke Karlsruhe)

„Wenn der Arbeiter es will, dann stehen alle Reifen still“

„Jetzt ist Schluss, jetzt ist Schluss, weil es so nicht weitergeht,
gegen Rausschmiss, Arbeitshetze hilft nur Solidarität,
denn ganz klar, ein ist wahr, uns platzt auch mal das Ventil,
wenn der Arbeiter es will, dann stehen alle Reifen still.“

In der vergangenen Ausgabe der Druckschrift war eine Seite aus einer Broschüre der gewerkschaftlichen Vertrauensleute der Michelin Reifenwerke Karlsruhe zum Streik im Jahre 1978 abgebildet. Der Cartoon verdeutlicht – in Anlehnung an Charlie Chaplins Film „Moderne Zeiten“ – die Arbeitshetze in der Reifenproduktion bei Michelin. Der Streik 1978 fand auch über Karlsruhe hinaus Beachtung, weil ein Streik in der streikarmen Chemiebranche schon etwas Besonderes war.

Streikursachen

Der Reifenmulti Michelin war bereits damals der zweitgrößte Reifenhersteller der Welt mit 120.000 Beschäftigten weltweit, in Deutschland hatte Michelin Werke an 5 Standorten. Ein Großteil der Karlsruher Belegschaft – vor allem in der Produktion – waren Elsässer, die mit einem Werksbusverkehr zur Arbeit kamen.
Hauptursache für den Streik waren schon lange schwelende Konflikte über die steigende Arbeitshetze in der Reifenproduktion. Aktueller Streikanlass war die Ankündigung der Fahrpreiserhöhung für die Werkbusse, die geplante Einstellung mehrerer Buslinien im Elsass, die ständige Akkordverschärfung, zu kurze Erholzeiten, die geplante Anrechnung der tariflichen Schichtzulage auf die innerbetriebliche Zulage sowie die Ausweitung der Früh- und Spätschicht auf den Samstag.

Der Streik

Auf zwei Betriebsversammlungen am 25. und 28. 8.1978 weigerte sich die Geschäftsleitung, zu den Fragen des Betriebsrats Stellung zu nehmen. Am 29.08. um 9.00 Uhr versammelt sich daraufhin eine Gruppe von Kollegen auf dem Werkhof und diskutiert über die offenen Fragen. Die Geschäftsleitung fordert zur Wiederaufnahme der Arbeit auf und lehnt Gespräche ab, da sie nicht unter Druck verhandle. Der Betriebsrat Grether erklärt, dies sei kein Streik, sondern eine Protestversammlung. Ihm wird von dem Abteilungsleiter von Rosenberg fristlos gekündigt, kurz danach auch den elsässischen Vertrauensleuten Pilvin und Strasser. Zudem wird die Belegschaft aus dem Werk gewiesen, sie versammelt sich draußen. Die vom Betriebsratsvorsitzenden Helmut Christ um 14.00 Uhr informierte Spätschicht legt wie die Frühschicht die Arbeit nieder und fordert die Rücknahme der Kündigungen. Dem schließt sich auch die um 22.00 Uhr eingetroffene Nachtschicht an, die Produktion ruht, ab 23.00 Uhr ist das Werkstor verschlossen. An dem Streik, der bis zum 2. September anhält, beteiligen sich etwa 1.200 der 1.500 gewerblichen Arbeitnehmer. Am 2. Streiktag werden auch noch der Betriebsratsvorsitzende Helmut Christ und der Betriebsrat Jean-Paul Limmacher fristlos entlassen. Am 1. September findet auf dem Schlossplatz eine Solidaritätskundgebung des DGB mit 1.000 Teilnehmern statt. Der Streik endet jedoch zunächst ohne greifbaren Erfolg.

Arbeitsunrecht

Die Kündigungen beschäftigen nun die Arbeitsgerichte. In letzter Instanz bestätigt das Landesarbeitsgericht Mannheim die Kündigungen, da der Streik ab 14.00 Uhr „illegal“ gewesen sei.
In der Folgezeit agiert die Michelin-Geschäftsleitung nachgiebiger, zum Beispiel wird der Werkbusverkehr kaum eingeschränkt und es gibt leichte Verbesserungen der Arbeitsbedingungen. Aber auch das ist anders als vorher: Auf Betriebsversammlungen wird der Geschäftsleitung nun mit eisigem Schweigen begegnet, wo vorher noch applaudiert wurde…

Michelinlied, 31.08. 1978, von Klaus C

(zu singen nach „Brusler Dorscht“)

Seit langer Zeit denkt Michelin schon voller Hinterlist,
das Arbeitstempo hier in Karlsruh‘ viel zu nieder ist,
drum zwingen wir den Stopper mal zur Manipulation,
der fälscht gestoppte Zeiten, dann klappt die Sache schon.

Refr.:    Jetzt ist Schluß, jetzt ist Schluß, weil es so nicht weitergeht,
gegen Rausschmiß, Arbeitshetze hilft nur Solidarität,
denn ganz klar, eins ist wahr, uns platzt auch mal das Ventil,
wenn der Arbeiter es will, dann stehen alle Reifen still.

Bei ´nem Kollegen, denkt euch nur, welch Riesensauerei,
stoppt man, wenn er mal Pause macht und wenn sie dann vorbei,
weil’s Michelin zu lange geht, kriegt er `nen schönen Schrieb,
„Sie müssen geh’n, es tut uns leid“, ihr kennt das alte Lied.

Refr.:    Jetzt ist Schluß…

Bei jedem Auto, wie ihr wißt, die Reifen wichtig sind,
doch halten sie nicht allzu lang, das weiß doch jedes Kind,
darum flutscht auch bei Michelin die Reifenproduktion,
doch die Kollegen haben nur den Leistungsdruck davon.

Refr.:     Jetzt ist Schluß…

Bei Nachtschicht wird im Augenblick noch Zulage geblecht,
doch Michelin, wie konnt’s sonst sein, sagt: „Das ist furchtbar schlecht!“
drum kombiniert der Schittenhelm in seinem Kopf, dem schlau’n,
die Zulage, die werden wir ganz klammheimlich abbau’n.

Refr.:     Jetzt ist Schluß…

Und weil noch nicht genug an Überstunden sind geschruppt,
der Schittenhelm sich wieder mal als schlauer Mann entpuppt,
drum will er auch am Samstag, Sonntag Zusatzschichten führ’n,
doch die Kollegen steh’n im Streik und kann das gar nicht rühr’n.

Refr.:     Jetzt ist Schluß…

Ins Elsaß ja, da fahr’n bis jetzt, Werksbusse hin und her,
doch Schittenhelm, der sagt jetzt plötzlich, so geht das nicht mehr,
die Busse werden reduziert, weil sie zu teuer sind,
dass die Zufahrtswege länger werden, juckt ihn nicht, das Rind.

Refr.:     Jetzt ist Schluß…

Noch viele Schweinereien hier noch zu erzählen sind,
wenn wir sie all‘ besingen woll’n, wir noch lang am Singen sind.
Doch die Kollegen schlauer war’n, die sagten, jetzt ist’s aus.
Am Dienstagmorgen Punkt zehn Uhr liefen die Wickler raus.

Refr.:    Jetzt ist Schluß…

Drauf schlossen sich die anderen Kollegen alle an;
doch Rosenberg, der faule Hund, der macht sich plötzlich rar.
Den müßt ihr selbst bezahlen, den Produktionsaussfall,
der Streik ist „wild“ und, wie ihr wißt, ist das ganz illegal.

Refr.:    Jetzt ist Schluß…

Die ersten Kündigungen, ja die hagelte es dann.
Man sah Christ, Grether, Limmacher als Rädelsführer an.
Doch die Kollegen sagten fest: „Wir geh’n erst wieder rein,
wenn d‘ Forderungen durch sind und sie stell’n die Entlass’nen ein.

Refr.:    Jetzt ist Schluß…

Auch Strasser und den Pilvin hat man auf d‘ Straß‘ geschubst.
Im Elsaß, ja da hat man dann die Klinken fein geputzt
und einzeln die Kollegen zur Arbeit überred’t.
Doch sinnlos war die Rennerei, die Streikfront, ja die steht.

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