Beiträge für eine Lebendige Streitkultur in Karlsruhe

Bilderrätsel

Die Passion der Hugenotten

Erinnerung und Appell zum humanen Umgang mit Flüchtlingen

"Massaker in der Bartholomäusnacht" (Foto: Michael Zoll)

Es ist die Nacht zum 24. August 1572, die Bartholomäusnacht. Im Mondlicht erkennt man Soldaten mit Gewehren, Pistolen, Äxten, Dolchen, Spießen, Säbel. Auf Kommando stürmen sie in zahlreiche Wohnhäuser und Herbergen, trampeln die Treppen hinauf, zertrümmern Wohnungstüren, stürmen in Wohnungen und rufen hasserfüllt: „Tod den Hugenotten, Tod den Ketzern.“ Einige Täter gelangen mit Leitern von außen in die Wohnungen. Teilweise werden die Menschen sofort ermordet. Manche stürzen sich angsterfüllt aus den Fenstern in den Tod, andere werden von den Häschern aus den Fenstern geworfen.  Wenige können zunächst flüchten. Auf sie warten bereits die Mörder. Sie erstechen, erschlagen, erschießen ihre wehrlosen Opfer, oder sie ertränken Hugenotten in Ziehbrunnen. Das Massaker endet erst, nachdem der letzte Hugenotte ermordet ist – auch ihr Führer Coligny. Insgesamt werden etwa 3.000 Hugenotten in Paris abgeschlachtet, in den nächsten Wochen stadtnah zusätzlich rund 10.000. Fast alle gehören dem Adelsstand an. Papst Gregor XIII. zelebriert in Rom eine Dankmesse mit einem feierlichen Tedeum und lässt eine Gedenkmünze prägen!

Hintergrund: Aufgrund der Reformation kam es zu einer Spaltung in Europa in Katholiken, Lutheraner und Reformierte. In Frankreich waren die Lutheraner bedeutungslos, so dass es zu einem Konflikt zwischen den „altgläubigen“ Adelsgruppen mit dem König und den Reformierten kam (4 %). Hinzu kam in der Frühen Neuzeit das Dogma: „Eine Religion, ein Gesetz, ein König.“ Alle Stände der Reformierten erkannten die Führerschaft des Königs an, forderten aber vom König gegenüber ihnen und ihrer Kirche Toleranz und Teilhabe im Staat.

Der reformierte Coligny aus dem Hochadel hatte damals großen Einfluss auf den jugendlichen König Karl IX. So erlaubte er knapp eine Woche vor dem Pogrom die Heirat der katholischen Königsschwester Margarete v. Valois und dem reformierten Heinrich v. Bourbon-Navarra. Zudem ließ er sich außenpolitisch von Coligny beraten. Dies gefiel seiner Mutter, Katharina v. Medici, nicht. Aufgrund der Hochzeit hielt sich zu diesem Zeitpunkt fast der gesamte hugenottische Adel in Paris auf. Sie befahl deren Ermordung („Pariser Bluthochzeit“).

Die Reformierten lebten vor allem im Süden, im Norden in der Normandie und in Paris. In dem ungleichen Religionskonflikt wehrten sich die Hugenotten mit diplomatischen und militärischen Mitteln. Innerhalb von 36 Jahren gab es 8 Konfessionskriege. Hunderttausende sind umgekommen! Diese Kriege endeten mit dem „Duldungsedikt von Nantes“ 1598, mit dem die hugenottische Minderheit eine gewisse Toleranz und Teilhabe erreichte, das formal 87 Jahre Bestand hatte. Nach der Ermordung Heinrich IV. durch einen katholischen Fanatiker kassierten die folgenden „altgläubigen“ Könige und der Hugenotten-Hasser Kardinal Richelieu schon wieder die Vereinbarungen. Mit der Inthronisierung Ludwig XIV. 1661 erreichte der Absolutismus den Höhepunkt. Der „Allerchristlichste König“ intensivierte die Strangulierung der Hugenotten (Schikanen, Verfolgungen, Massenabschwörungen), was mit dem „Widerrufsedikt von Fontainebleau“ 1685 seinen Höhepunkt erreichte.

1686 begann die Massenflucht der Hugenotten in benachbarte Länder zu Fuß, mit Pferd oder mit Schiff (etwa 170.000 Menschen). In deutschen protestantischen Territorien erhielten ca. 40.000 Menschen Asyl, davon 500 in der Markgrafschaft Baden-Durlach. Aufgrund des Asyls des lutherischen Markgrafen Friedrich Magnus konnten sich diese Flüchtlinge 1699 auf zugewiesenem Grund und Boden niederlassen. Davon erhielt eine 70-köpfige Gruppe das Privileg, einen Ort zu gründen, der den Namen „Fridericiana Valis“ – Friedrichstal – erhielt. Das Foto zeigt ein Modell aus dem Friedrichstaler „Heimat- und Hugenottenmuseum“, auf dem das Gründungsdorf dargestellt ist. Im sehenswerten Museum sind die Hugenottengeschichte sowie zahlreiche weitere heimatkundliche Aspekte erläutert und mit Exponaten veranschaulicht. Weitere Ansiedlungen in der Markgrafschaft sind u.a. Welschneureut, Palmbach und Untermutschelbach.

Das Werben um die Glaubensflüchtlinge und die Einladung der Fürsten zeigten einerseits protestantische Solidarität und Barmherzigkeit. Andererseits gab es handfeste wirtschaftliche und staatspolitische Überlegungen, lagen doch zahlreiche deutsche Territorien durch Krieg, Seuchen und Hungersnöte darnieder. Einen wirtschaftlichen Aufschwung erhofften sich die absolutistischen Fürsten durch die Hugenotten, die zahlreiche Kompetenzen mitbrachten, wie z.B. im handwerklich-technischen, landwirtschaftlichen, unternehmerischen und kaufmännischen Bereich. Natürlich verlief die Integration der Asylsuchenden nicht konfliktfrei, betrachteten des öfteren die einheimische Bevölkerung die Neuankömmlinge als Konkurrenten, zumal sie teilweise zu Frondiensten beim Aufbau der Flüchtlingsdörfer herangezogen wurden. Die abweisende Haltung mancher Einheimischer gipfelte schon damals gelegentlich in Brandanschlägen an Holzhäusern der Hugenotten.

Die Erinnerung an die Passion der Hugenotten sollte uns heute motivieren, mit Flüchtlingen und Asylsuchenden humanitär umzugehen. Die heutige humanitäre Flüchtlingspolitik hat zu basieren auf den Menschenrechten, der Genfer Flüchtlingskonvention und unserer Verfassung.   Vertiefende Informationen: U.a. Eberhard Gresch: Die Hugenotten – Geschichte, Glaube und Wirkung, Evangelische Verlagsanstalt (Das Standardwerk). Oder der historische Roman von Claudius Crönert: Das Kreuz der Hugenotten, Gmeiner Verlag.

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