Beiträge für eine Lebendige Streitkultur in Karlsruhe

Schwerpunkt

Ktown, K-hole und baden in ideen

Stimmen zum Schwerpunkt

„Hexenhütte bei Ottenhöfen, Schwarzwald“ Foto: Rebecca Stephany

Anmerkung der Redaktion: Wir haben die Rubrik „Stimmen der Stadt“ neu konzipiert, um anstelle des gewohnten starren Interviewformats, freiere Beiträge, persönliche Kommentare und Meinungen zu veröffentlichen. Wir wollen damit individuellen Blickwinkeln und subjektiven, konträren und mitunter polarisierenden Standpunkten, im Sinne einer lebendigen Streitkultur in Karlsruhe, Raum geben. Für diese Ausgabe freuen wir uns die Designerin und HfG-Dozentin Rebecca Stephany gewonnen zu haben, uns Einblick in ihre Begegnungen mit Karlsruhe als Lebens- und Arbeitsraum zu geben. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen und freuen uns auf eure Resonanz. Teilt uns auch gerne mit, was ihr vom neuen Format haltet und beteiligt euch an der Debatte.

Karlsruhe ist in Bahnminuten soweit von Amsterdam entfernt wie von Berlin und von Amsterdam nach Berlin ist es ungefähr genauso weit. Quasi ein mathematisch gleichseitiges Teufelsdreieck der geografisch-kulturellen Ungleichheiten.

Ich bin im Herbst 2016 nach 12 Jahren Amsterdam (Zürich/Island/LA/New York/yesreally) nach Karlsruhe gezogen. Ich unterrichte an der örtlichen Hochschule für Gestaltung und die Berufung war ein brauchbarer Anlass, nach den Jahren als Wahlausländerin erst eine Zeitlang in Karlsruhe zu sein und dann längerfristig in eine deutsche Großstadt zu ziehen. Fast alle meiner KollegInnen pendeln aus besagten Metropolen Europas zweiwöchentlich an die HfG, mir war das Lehren aus der Entfernung so erstmal zu schwammig. Ich wollte ein besseres Gefühl für die Stadt, die Hochschule, ihren Rhythmus und Studierenden bekommen. Ich schreibe also über K-Town als eine “casual affair”, aber erfahrungsgemäß sind es ja die, die sich nicht binden können, die das Herz chronisch gebrochen mit sich tragen.

Man kann mich mit meiner Praxis und Lehre in Kunst und Gestaltung sauber als Kulturschaffende kategorisieren, wie man das in Deutsch so schön sagt. In Englisch ist der “cultural producer” schon einen Ticken neoliberaler, produkt- und ergebnisorientierter eben. Dabei hat das Verschlafene an Städten wie Karlsruhe auch was angenehm Entschleunigtes, Kultur scheint in der Regel eben eher geschaffen und weniger produziert zu sein, sie ist in erster Linie und muss vielleicht auch weniger. Ich hatte in den 1.5 Jahren in Karlsruhe erfrischend selten Angst was zu verpassen, war viel im Grünen und auf dem Balkon, hab mich also ganz gut von 10 Jahren Selbstausbeutung im kulturellen Prekariat erholt. Falls die Götter mir wohlgesonnen sind, ziehe ich im Herbst nach Frankfurt.

Ich lasse, abgesehen von den obligatorischen Projekten rund um die HfG und Alumni, örtliche Ausstellungsinitiativen immer öfter an mir vorüberziehen. Dabei bekomme ich durchaus mit, dass in Karlsruhe einiges los ist an “Kunst & Kultur”, mit seinen Projekträumen, Off-Spaces, KünstlerInnengemeinschaften und Co. Mir scheint da zum Mitfiebern mindestens die soziale Notwendigkeit zu fehlen, ich merke aber auch, dass ich mich immer weniger für Kunst in weißen Räumen interessiere. Die Dinge, die ich gesehen habe, haben mich jedenfalls selten begeistert, konfrontiert oder überrascht. Viele Ausstellungen machen, so scheint es, vor allem viel Sinn für die Gruppe der InitiatorenInnen und ihre kleineren und größeren Bekanntenkreise.

Das künstlerische Programm in den sogenannten Off-Spaces in Karlsruhe (worauf bezieht sich das “off” eigentlich oder wo ist das “on” in einer Stadt wie Karlsruhe, so fern vom kommerziellen Kunstmarkt?) läuft aus meiner Perspektive eher leidenschaftslos nach bekanntem Schema. Vielleicht reicht es ja bereits, “auch” einen Projektraum zu betreiben, eine lokale Plattform für sich selber, Freunde und Bekannte zu schaffen, vielleicht weil weniger auf dem Spiel steht, es weniger fremdes Publikum oder Wettbewerb als in einer größeren Stadt gibt und kaum Multiplikatoren vor Ort, die die eigene Praxis über Karlsruhe hinaus vernetzen oder platzieren könnten (falls man das überhaupt anstrebt)?

Wenn ich mir den studentischen Enthusiasmus oder besser Abwesenheit dessen bei den HfG-Rundgängen der beiden letzten Jahre anschaue, frage ich mich auch, warum das gemeinsame Ausstellen nicht heißer umkämpft, gefeiert und belagert wird – vielleicht aus ähnlichen Gründen? Dabei finde ich Karlsruhe als Ort zum Studieren ideal. Im Vergleich zu dem Bachelorprogramm in Grafikdesign an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam, an der ich fast 10 Jahre unterrichtet habe, bringt die Überschaubarkeit Karlsruhes und der HfG viele Vorteile mit sich. Man lernt so zum Beispiel früher oder später, die Dinge, die einem in der Stadt oder im direkten Umfeld fehlen, im besten Falle selbst zu organisieren, sei es Parties, Projekträume oder feministische Lesezirkel. Gleichzeitig gibt es wenig Ablenkung und die quasi-dörfliche soziale Struktur, in der jede(r) jede(n) zu kennen glaubt, verknüpft das gemeinsame Studieren oft auch mit geteilten Lebens-, Freizeits- und Arbeitsplänen. In einer größeren Stadt mit kulturellem Überangebot kann man stattdessen bequem Konsumentin bleiben und die eigene Hochschule ist oft nur eine von vielen “bubbles”, in denen man sich bewegt und derer man sich bedient. Ein Teil von mir beneidet all die engagierten Karlsruher Kulturschaffenden, die sich auf K-hole eingelassen haben und quasi in einer festen kulturellen Beziehung mit der Stadt leben. Mein Anspruch bzw. Einbildung, nur in einer internationaleren, kulturell zeitgenössischeren, anonymeren, diverseren, kritischeren, launischeren, ungeduldigeren Großstadt leben zu können, ist auch eine Behinderung, die unterschwellige Nervosität ein oft ungnädiger Antreiber.

Was ich nicht verstehe ist die – für mich – absolute Unsichtbarkeit der Akademie der Künste Karlsruhe. Die, zumindest auf institutioneller Ebene, sauber getrennten Existenzen zwischen HfG und Akademie müssen in einer kleinen Stadt wie Karlsruhe ja vorsätzlich in Stand gehalten werden und diese saure Kontaktlosigkeit ist irgendwie ein bisschen lächerlich. Welcher alte Mann hat sich da wohl mit welchem alten Mann angelegt? Einige Male schon habe ich das Sekretariat bzw. die Pressestelle der Kunstakademie per Email kontaktiert, mit der Bitte, in Zukunft über Veranstaltungen informiert zu werden und ihre Studierenden im Gegenzug zu Screenings und Talks an der HfG einladen zu dürfen – ohne Antwort. Sie wollen nicht gestört werden scheint es schon fast. Vielleicht schreiben sie auch lieber Briefe? Lustig fand ich es, über Freunde in Amsterdam zu erfahren, dass Wochen vorher eine scheinbar wahnsinnig inspirierende Vorlesung in der Akademie stattgefunden hatte, nur wusste keiner an der HfG was davon. Sie wollen scheinbar auch nicht, dass man kommt.

Wofür ich Karlsruhe wirklich dankbar bin ist die gute alte Naherholung à la Alb oder Altrheinarm und die Anbindung an den Schwarzwald. Ich bin nicht so weit von hier, 50km den Rhein hoch, aufgewachsen. Einer spirituellen Ernährungsphilosophie zufolge gedeiht man dort am besten, wo man auch gewachsen ist, das gilt für Pflanzen, Tiere und eben auch Menschen. Einerseits sind die Teilchen, aus denen unser Körper besteht, Träger einer Art lokalspezifischen Ur-Gedächtnisses, andererseits hat die Nahrung, die unsere Eltern und Großeltern zu sich geführt haben, auch konkreten Einfluss auf unser System. Nur wenig kommt der trostlosen Erbärmlichkeit der überwiegend künstlich angelegten “Natur” in den Niederlanden gleich. Die Bäume dort scheinen auf halber Strecke aufgegeben zu haben und erwarten halb hängend halb siechend den nächsten Sturm, als wüssten sie, dass ihre Existenz, unter dem Meeresspiegel gepflanzt, keinen Sinn macht.

Ich schreibe diesen kleinen Beitrag aus Ottenhöfen im Schwarzwald, wo ich mich über Pfingsten mit einer guten Freundin zum Wandern getroffen habe. Unsere Gastfrau hat uns heute morgen erklärt, dass man im Wald nur vom Atmen alleine schon high wird. Es gibt dort nämlich viele Pilze, die zwar in kleinen Dosen giftig oder gar tödlich sind, in der Schwarzwaldluft aber, als Kleinstpartikel in der Luft schwebend, gut dosiert die Laune heben. Das wiederum schafft kein Berlin dieser Welt.

K-Hole (Ketamin-Loch) ist ein Ausdruck innerhalb der Drogenszene für einen Zustand nach der Einnahme von Ketamin, bei dem es zu einer circa 30-minütigen Dissoziation kommt. Äußerlich gleicht der Zustand häufig einer Bewusstlosigkeit. (Quelle: Wikipedia)

„baden in ideen“, das Ergebnis eines „sehr komplexen Markenbildungsprozesses“, wurde im Juli 2012, nach 8-monatiger Arbeit, vom Stadtmarketing Karlsruhe als neuer Slogan für die Stadt vorgestellt. Entwickelt von den Berliner Markenberatern kleinundpäcking hatte sich die Stadt die drei Worte 50.000 Euro kosten lassen. „baden in ideen“ sollte Karlsruhe im Rahmen seines 300. Geburtstag in 2015 national und international neu positionieren und damit den alten Leitspruch „viel vor. viel dahinter.“ ersetzen. Er stoß bei der Bevölkerung leider auf viel Widerstand und wurde noch im gleichen Sommer verworfen. Äußerst unterhaltsame Kommentare zum Fiasko kann man auf www.ka-news.de nachlesen.

Rebecca Stephany

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