Beiträge für eine Lebendige Streitkultur in Karlsruhe

Stadtleben

Revolutionäre Bewegungen im Museum erstarrt?

Ausstellungskritik

Illustration: Moritz Appich

Museumsbesuche sind eine prima Alternative, wenn das Wetter Ausflüge verwässert oder man keine Lust auf das Sardinenspiel im Freibad hat. Da Karlsruhe sich gerade mit gleich zwei Ausstellungen zum Thema „Revolution“ schmückt, war der Gang ins Museum quasi Pflicht.

Museumsbesuch, erster Teil: Revolution!… Für Anfänger*innen

Rote Fahnen aber kein roter Faden

Das Badische Landesmuseum im Karlsruher Schloss umwirbt unter dem Titel „Revolution! …Für Anfänger*innen“ das Publikum und lässt dekorativ die rote Fahne der Revolution am Schlossturm wehen. Angekündigt ist eine interaktive Ausstellung, die sich dem Thema „Revolution“ umfassend widmen möchte. Ich bin durch den Flyer neugierig geworden, verspricht er doch neben der Beleuchtung von historischen Umbrüchen wie der Französischen Revolution Bezugnahme zu aktuelleren politischen Bewegungen, wie der Wende in der ehemaligen DDR oder dem „Arabischen Frühling“.

Im Eingangsbereich zur Ausstellung wehen mir rote Fahnen entgegen, vor einer dreigeteilten Leinwand sind Liegestühle aufgestellt und ein kurzer Film umreißt grob verschiedene Revolutionen, benennt einige herausragende Protagonisten revolutionärer Bewegungen und stellt die Frage, wann man denn von einer Revolution sprechen kann. Vom Personal werde ich knapp in das interaktive Spiel eingeführt. Man soll sich in die Situation auf einem Schiff eindenken, bei der die Passagiere um Liegestühle streiten und an verschiedenen Stellen in der Ausstellung Fragen beantworten und Kärtchen sammeln. Ich werde, ohne Begründung, der Gruppe der Nichtbesitzenden zugeteilt und los geht es in den eigentlichen Ausstellungsraum.

Dieser ist völlig zugestellt, die Fenster verrammelt – möglicherweise soll das wie bei einer Belagerung wirken – im Raum verteilt befinden sich aus Pressspanplatten zusammengezimmerte Barrikaden, daran befestigt Bilder, Texttafeln und Bildschirme, auf denen Filmbeiträge laufen. Von der Decke hängen kleine rote Boxen, um sich Interviews mit Zeitzeug*innen anzuhören. Die Interviews stehen aber nicht in Zusammenhang mit den gezeigten Filmbeispielen. Es finden sich kleinere Vitrinen mit Pamphleten und Büchern, aber auch größere Objekte wie der Nachbau einer Guillotine. An verschiedenen Stellen kann man sich auf Computern kurze Filmausschnitte anschauen oder an Smartphones revolutionäre Lieder anhören. Das ist unterhaltsam, aber nur begrenzt informativ.

Mich strengt dieser Wirrwarr an und ich versuche vergeblich, den sprichwörtlichen roten Faden in der Ausstellung zu finden! Vieles wird kurz angerissen, tiefergehende zeithistorische Einordnungen fehlen meiner Meinung nach, der „Arabische Frühling“ findet sich beispielsweise neben der Wende in der ehemaligen DDR, die Bezüge zu politischen Situationen, Herrschaftsformen, Unterdrückung und gesellschaftliche Entwicklungen werden nur am Rande gestreift.

Auch bekannte Gesichter verschiedener revolutionärer Bewegungen tauchen als beleuchtete Porträts auf, eine weitergehende Beschäftigung mit ihren politischenIdeen und Aktivitäten fehlt leider. Nur als Beispiel: Friedrich Hecker, badischer Revolutionär, 1811-1881. Und weiter? Hätte man dazu nicht mehr zu sagen?

Ich lese die wenigen Informationstafeln, die sich knapp mit den Gründen für Revolutionen beschäftigen, deren Verlauf beobachten oder die Frage beleuchten, welche Rolle Gewalt dabei spielt.

Das interaktive Spiel geht an diversen roten Kästen weiter, die Fragen und Antwortmöglichkeiten sind manches Mal verwirrend. Am Ende scanne ich meine gesammelten Antwortkärtchen ein und bekomme auf rotem Papier ausgedruckt, dass ich eine echte Revolutionärin bin, eventuell über Leichen gehe, Chè Guevara aberstolz auf mich wäre… Aha! Leider finde ich den Weg zum großen, roten Megaphon nicht, um meinen Unmut herauszuschreien und verlasse reichlich entnervt diese Ausstellung.

Mein Fazit: lieber besuche ich das Freiheitsmuseum in Rastatt und bekomme mit kundiger Führung, inhaltlich Fundiertes zu den diversen Freiheitsbewegungen und Revolutionen geboten, wenn auch der geschichtliche Bogen in Rastatt nicht ganz so weit gespannt ist.

Museumsbesuch, zweiter Teil: Bewegt euch! 1968 und die Folgen in Karlsruhe

Nostalgischer Blick plus Aufbruchgedanken

Nachdem im Schloss die 68er Bewegung recht knapp mit „ach ja, da war doch was“ abgehandelt wird, bietet sich wohl ein Ausstellungsbesuch im Stadtmuseum im Prinz- Max- Palais an.

Hier ist der Anspruch wohltuend heruntergebrochen: niemand möchte einen Gesamtblick auf die 68er Bewegung wagen, sondern es stehen Karlsruhe und die Folgen der Bewegung im Mittelpunkt.

Die tageslichthellen Räume sind mit vielen Plakaten, Fotos und Flyern dekoriert.Das wirkt fast wie bunt plakatierte Wände, nur das die Lesbarkeit gewährleistet ist,da nichts übereinanderhängt.Ein paar wenige Originale hängen hinter Glas, in kleinen Vitrinen finden sich beispielsweise Buttons, Nachdrucke von Flugblättern können gelesen werden. Das wirkt auf mich im ersten Moment etwas chaotisch, aber bei näherer Betrachtung wird mir klar, dass die Ausstellung in verschiedene thematische Bereiche gegliedert ist, wie Studentenbewegung, Freiräume, Umweltbewegungen, Feminismus oder Friedensbewegung. Ein paar kleine Filmbeiträge sind in die Ausstellung integriert; in einem abgedunkelten Raum kann ich mir Interviews mit Zeitzeug*innen anschauen, die aus unterschiedlichen politischen Bewegungen kommen und darüber erzählen.

Interessant sind die unterschiedlichen Führungen durch die Ausstellung, die entweder einen Gesamtüberblick über die unterschiedlichen politischen und sozialen Bewegungen geben oder sich bestimmten Themen gezielt widmen.

Natürlich kann ich mich nach dem Rundgang durch die Ausstellung auf den Bänken im Raum niederlassen und sentimental verklärt „ach ja, damals…“ seufzen. Der Blick in das umfangreiche Begleitprogramm macht aber deutlich, dass die Ausstellungsmacher*innen nicht bei einem nostalgisch verklärten Blick stehen bleiben möchten. Die Kinemathek bietet eine begleitende Filmreihe unter dem Titel „`68 und die Folgen: Celluloid im Aufruhr“. Seit Ausstellungseröffnung werden unterschiedliche Themenführungen, Diskussionsveranstaltungen, Lesungen, Stadtspaziergänge und Vorträge angeboten, die deutlich zeigen, dass die politischen Bewegungen weiterleben und die Aktivist*innen weiterkämpfen.Sehenswert!

Die Ausstellung im Badischen Landesmuseum im Schloss kann man bis zum 11. November 2018 besuchen. Die Sonderausstellung im Prinz- Max- Palais endet am 14. Oktober 2018.

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