Beiträge für eine Lebendige Streitkultur in Karlsruhe

Stadtleben

1867, 1917, 1967, 1977

Revolution und Bewegung

Die Mutter der Kapitalismuskritik – 150 Jahre ‚Das Kapital‘

Karl Marx war ein versoffener Rüpel. Zugleich war er Autor und Revolutionär. Launig schließt er einen Brief an Friedrich Engels: „Ich habe heute 48 Bogen erhalten. Diese Woche wird also die Scheiße fertig.“ Die ‚Scheiße‘ – das war der erste Band von ‚Das Kapital‘, 800 Seiten stark, 48 Druckbögen. Es erschien am 14. September 1867 im Verlag Otto Meißner. Ganze vier Jahre brauchte der Verlag, bis er die ersten 1.000 Exemplare verkauft hatte.

In ‚Das Kapital‘ unterzog Karl Marx die kapitalistische Gesellschaft einer umfassenden Analyse und Kritik.

Darum geht’s: Kapitalistische Gesellschaften sind Waren produzierende Gesellschaften, deren Produktionsverhältnisse Ausbeutungsverhältnisse bedingen. Die Gesellschaft zerfällt in Klassen. Ausbeuter*innen, die die Produktionsmittel besitzen, und Ausgebeutete, die nichts außer ihrer Arbeitskraft besitzen, stehen sich unversöhnlich gegenüber. Die Produktionsweise bewirkt, dass durch Ausbeutung der Lohnarbeit Mehrwert generiert wird.  Diesen Mehrwert eignen sich die Ausbeuter*innen an. Er wird in Form von Kapital akkumuliert, während seine Produzent*innen davon ausgeschlossen sind.

Nach Marx gehören zu bestimmten Produktionsverhältnissen auch ein darauf aufbauendes Staats- und Gesellschaftsverhältnis. Dieses diene in der kapitalistischen Gesellschaft zur Absicherung der ausbeuterischen Klassenverhältnisse.

Diese Verhältnisse seien von Menschen geschaffene Verhältnisse. Aber sie drohten hinter einem Schleier aus Zuschreibungen unkenntlich zu werden. Und zwar, indem den Produkten die Eigenschaften, ‚Ware‘ zu sein und ‚Wert‘ zu besitzen, als dingliche Eigenschaften zugesprochen und so das hinter dem ‚Wert‘ verborgene gesellschaftliche (Ausbeutungs-)Verhältnis verdeckt würden.

‚Das Kapital‘ ist eines der wirkmächtigsten Bücher überhaupt. Es wurde immer wieder neu gelesen und schuf Hoffnung für Millionen und beförderte revolutionäre Aufbrüche und Bewegungen weltweit. Hier eine Auswahl…

Die Oktoberrevolution: Kanonenkugel mit Langzeitwirkung

Es lief das Kriegsjahr 1917, als das russische Kaiserreich am Rande einer militärischen und wirtschaftlichen Katastrophe zusammenbrach. Nach rasanten Machtkämpfen gelang es schließlich dem radikalen Flügel der russischen sozialdemokratischen Partei, die Macht zu übernehmen. Heute gilt der 24. Oktober 1917 (nach dem gregorianischen Kalender wäre es der 7. November gewesen) mit dem „Sturm des Winterpalastes“ in Sankt Petersburg als Geburtsstunde der ersten kommunistischen Revolution.

Der Machtübernahme folgte der – Versuch, die archaische russische Gesellschaft auf eine Zukunft ohne Klassen und Ausbeutung umzugestalten. Dabei lieferte  ‚Das Kapital‘ vielerlei Hinweise, was die zukünftige sozialistische Gesellschaft nicht hätte sein sollen. Wie jedoch konkret die Entwicklung von Industrie und Landwirtschaft zu fördern sei, ohne in die Ungerechtigkeiten der gehassten kapitalistischen Wirtschaft zu verfallen, war bei Marx nicht zu lesen.

Am Ende reichte Lenins bekannte Formel für den sozialistischen Aufbau: „Kommunismus sei Sowjetmacht plus Elektrifizierung“ nicht, um diese Herkulesaufgaben zu meistern. Über die Gründe für das Verkommen der Revolution kann lang diskutiert werden. Mit Sicherheit jedoch hat die Oktoberrevolution in den Folgejahren auch außerhalb Russlands massive Wirkung entfaltet.  So hat allein die Vorstellung, dass ein Systemwechsel jederzeit möglich sei, den Forderungen der Arbeiter*innenbewegung überall in Europa bis nach dem zweiten Weltkrieg Nachdruck verliehen. Seien wir ehrlich: Einen Teil unseres Sozialstaats haben wir in der Tat auch den Kugeln zu verdanken, die in einer Novembernacht vor 100 Jahren auf die Fassade des Winterpalastes trafen.

Die 68er: Wild, undogmatisch – antikapitalistisch

Zwischen 2009 und 2012 ermittelte die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, mit Einblick in die Stasi-Akten. Sie kam zu dem Ergebnis, dass es keine Anhaltspunkte für einen Auftragsmord der DDR gäbe, dass es sich um vorsätzliche Tötung handelte, ist jedoch wahrscheinlich.

Die Rede ist von der Ermordung von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 am Rande einer Demonstration von Studierenden gegen den Besuch des Schahs in West-Berlin. Rund 3.000 Demonstranten, die die Zusammenarbeit Deutschlands mit dem Tyrannen kritisierten, sahen sich damals einem Polizeiaufgebot von 30.000 Beamten gegenüber. Es kursierten Gerüchte über ein geplantes Attentat auf den Schah. Als Schlägertrupps des persischen Geheimdienstes SAVAK mit Schlagstöcken auf Demonstrierende losgingen und die Polizei nicht nur tatenlos blieb, sondern ihrerseits gewalttätig ausschritt, flüchteten Demonstrierende auf einen Parkplatz, wo sie von Polizisten gestellt wurden. Der 26-Jährige Ohnesorg wurde dort vom Beamten Kurras hinterrücks erschossen. Im November desselben Jahres wurde er vor Gericht freigesprochen.

Diese Geschehnisse gelten als ein Startpunkt für die anschließenden vom marxistischen Antikapitalismus inspirierten 68er Bewegungen, die sich gegen die Notstandgesetze, den amerikanischen Imperialismus, den Vietnamkrieg und die personellen und strukturellen Altlasten des Nationalsozialismus in Deutschland wandten. Die Ermordung Ohnesorgs war für die spätere Gründung militanter Gruppen ein Schlüsselereignis. Früh schon wurde die Bewegung ihrer freien und undogmatischen Aufbrüche beraubt.

Die tödliche Konfrontation von RAF und Staat

Karlsruhe, 07.04.1977: Generalbundesanwalt Buback, sein Fahrer und der Leiter der Fahrbereitschaft werden von Unbekannten von einem Motorrad aus im Dienstwagen erschossen. Die Täter des Anschlags der Roten Armee Fraktion (RAF) konnten bis heute nicht ermittelt werden.

Am 19.10.1977 wird die Leiche des entführten Arbeitgeberpräsidenten Schleyer gefunden. Diese Tötungen markieren den Beginn und das des deutschen Herbstes.

Am 18.10.1977 war die mehrtägige Entführung einer Lufthansa Maschine durch die GSG 9 beendet worden. Ein palästinensisches Kommando hatte damit die Freilassung der inhaftierten RAF-Gefangenen erzwingen wollen. In derselben Nacht sterben die führenden RAF-Mitglieder Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen im Stammheimer Gefängnis. Irmgard Möller wird schwer verletzt aufgefunden. Wie die Waffen für die Selbstmorde über Wochen unbemerkt blieben, ist bis heute ungeklärt. Ebenso, warum die Tode in den verwanzten Zellen so spät entdeckt wurden. Die RAF, die sich zu zahlreichen, auch tödlichen Anschlägen auf Personen sowie staatliche und militärische Einrichtungen bekannt hatte, bezeichnete ihren „bewaffneten Kampf“, in der Linken höchst umstritten, als höchste Form des Marxismus-Leninismus. Ihre Gründung fußte auch auf Ereignissen wie der Ermordung Ohnesorgs.

Auch eine 68er? Dann bist du gefragt!

Das Stadtmuseum Karlsruhe bereitet eine Sonderausstellung unter dem Titel: „Bewegt Euch! 1968 und die Folgen in Karlsruhe“ vor. In dieser Ausstellung soll 1968, als Auslöser und Katalysator für verschiedene soziale Bewegungen, aber auch als Grundlage einer emanzipatorischen und antiautoritären Haltung gegenüber Staat, Politik und Gesellschaft insgesamt betrachtet werden.

Damit die Ausstellung für Karlsruhe wichtige Ereignisse, Gruppen, Aktionen und Netzwerke gut und angemessen darstellen kann, ist Unterstützung notwendig!

Gesucht werden Menschen, die selbst diese Zeit erlebt haben, die an Entwicklungen mitgearbeitet haben und darüber berichten können. Das Ausstellungsteam freut sich über Interviewpartner*innen, Menschen, die über Fakten aufklären können, konstruktiv und kritisch an der Ausstellung mitarbeiten wollen oder Material als Leihgabe beisteuern können, in Form von Flugblättern, Fotos, Transparenten oder Ähnlichem.

Im Speziellen besteht noch Bedarf nach Beiträgen zu Globalisierungskritik, Antifa, Freiräume in Karlsruhe oder selbstbestimmtes Leben und Arbeiten.

Interessierte melden sich bei:

Dr. Alexandra Kaiser | Stadt Karlsruhe, Kulturamt | Stadtarchiv und Historische Museen

Markgrafenstraße 29, 76124 Karlsruhe, Tel:  0721 133 4222

E- Mail: alexandra.kaiser@kultur.karlsruhe.de

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