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Arbeitswelt/Interview

Am Zement gespart

Gespräch mit einer Betriebsrätin aus Karlsruhe

Die KonzernbetriebsratsvorsitzendeSabine Skubsch übergibt dem stellvertretenden Vorsitzenden des Bundestagsausschusses für Arbeit und Soziales 5.000 Unterschriften gegen das Teilzeit- und Befristungsgesetz. (Foto: Kay Herschelmann)

Sozialarbeiterin ist nicht gleich Sozialarbeiterin und Arbeitserzieher ist nicht gleich Arbeitserzieher. Gehälter und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten in sozialen Berufen variieren auf dem Arbeitsmarkt, je nach Arbeitgeber, Berufsfeld und Region, selbst bei gleicher Qualifikation sehr stark voneinander. Im süddeutschen Raum etwa zahlen die großen konfessionellen Wohlfahrtsverbände Caritas und Diakonie deutlich höhere Gehälter als die Arbeiterwohlfahrt (AWO) oder die vielen kleineren gemeinnützigen Träger.

Mit der Privatisierung der Sozialwirtschaft nimmt auch die Zahl der gewerblichen gewinnorientierten Dienstleister zu, die sich nicht davor scheuen, Preis-Dumping zu betreiben. Der zunehmende Wettbewerb drängt nun auch größere tarifgebundene Träger dazu, branchenübliche Standards zu unterlaufen.

Sabine Skubsch (Foto: Sonja Frohoff)
Sabine Skubsch (Foto: Sonja Frohoff)

Über Ursachen und Konsequenzen dieser Entwicklung sprechen wir mit Sabine Skubsch, Lehrerin aus Karlsruhe, seit 2011 Vorsitzende des Konzernbetriebsrates beim Internationalen Bund e.V. (IB), der in Sachen Abwälzung des Unternehmensrisikos auf die Beschäftigten in den letzten Jahren besonders kreativ war.  Der IB ist am Standort Karlsruher im Bereich der beruflichen Bildung, der Migrationshilfe und der Jugendhilfe tätig. Die Fragen stellte Matteo Foschi.

DS: Wie haben sich die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten der Sozialwirtschaft in den letzten Jahren verändert?

Sabine Skubsch: Wir beobachten in der ganzen Branche eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen, um Personalkosten zu sparen. Beim IB sind die niedrigen Gehälter das größte Problem. Die Einstiegsgehälter für Sozialpädagogen*innen liegen bei etwa 2.400.- € brutto. Das heißt: Unsere Kollegen*innen haben ein Fachhochschulstudium absolviert, machen Tag für Tag eine verantwortungsvolle Arbeit und verdienen trotzdem nicht genug, um in einer Stadt wie Karlsruhe eine Familie versorgen zu können oder gar auf eine Sicherung im Alter hoffen zu können.

Ein weiteres Problem ist die Arbeitsverdichtung. Die Arbeit, die vor 23 Jahren, als ich beim IB anfing, von zwei Sozialpädagoginnen gemacht wurde, soll heute durch eine Stelle abgedeckt werden. Dazu kommen zeitintensive Dokumentationspflichten. Um aber benachteiligte junge Menschen so zu fördern, dass sie ein selbstständiges Leben führen und einen Beruf ausüben können, braucht es Zeit. Und die haben wir oft nicht in ausreichendem Maße.

DS: Nun ist der IB, ein Träger mit 14.000 Beschäftigten, die bundesweit 350.000 Menschen unterstützen, nicht gerade ein kleiner gemeinnütziger Verein mit überschaubaren Finanzierungsquellen, der ständig um seine Existenz kämpfen muss …    

Sabine Skubsch: Wie alle Träger der Sozialwirtschaft ist auch der IB auf die Finanzierung durch die öffentliche Hand, etwa durch die Arbeitsagentur oder die Gemeinden, angewiesen. Und die öffentlichen Auftraggeber wollen immer weniger Geld dafür investieren.

DS: Und sie haben einfach die Gelder gekürzt?

Sabine Skubsch: Häufig reicht es, die Regeln für die Vergabe der Aufträge zu ändern. Nehmen wir zum Beispiel die Vergabebedingungen der Arbeitsagentur: Berufsausbildungs- und Vorbereitungsmaßnahmen für junge Menschen mit Behinderung oder Benachteiligte werden ausgeschrieben wie öffentliche Bauvorhaben. Das Hauptkriterium der Vergabe ist der Preis. Die Qualität der Maßnahmen spielt nur eine untergeordnete Rolle. Das hat eine Reihe von Billiganbietern auf den Markt gebracht, die mit niedrigen Gehältern und Standards den Preis immer weiter nach unten getrieben haben. Der IB hat den Preisdruck auf die Beschäftigten abgewälzt, in dem er sich durch Ausgründungen aus dem Tarifvertrag verabschiedet hat. Die neu gegründeten GmbHs haben den Beschäftigten neue Arbeitsverträge angeboten, die keinen Bezug zu den für den Mutterkonzern üblichen Standards beinhalteten.

Aber bevor Du die Frage stellst… Wir gehören hier in Karlsruhe zu der glücklichen Minderheit, für die der alte IB-Haustarifvertrag noch gilt. Wir hoffen, dass das auch so bleibt.

DS: Seit 2013 gibt es den bundesweiten Mindestlohn in der Weiterbildung. Gab es infolge seiner Einführung Verbesserungen oder hat dies nur die Symptome, nicht aber das Problem bekämpft?

Sabine Skubsch: Der Mindestlohn hat für viele Kollegen*innen deutliche Gehaltserhöhungen gebracht. Das ist gut. Leider ist der Mindestlohn für viele Beschäftigte in den tariflosen GmbHs des IB aber nicht nur das Einstiegs-, sondern auch das Endgehalt. Wir fordern daher, dass in den Vergabebedingungen der Bundesagentur festgeschrieben wird, dass die Träger ein Gehalt in Höhe des Tarifvertrages des Öffentlichen Dienstes (TVöD) zahlen müssen. Das wollen auch immer mehr Arbeitgeber. Einfach, weil der Fachkräftemangel ihr Wachstum bremst.

DS: Hast Du eine Zunahme von Honorartätigkeiten und (Schein-)Selbstständigkeit nach der Einführung des Mindestlohns in der Weiterbildung beobachtet?

Sabine Skubsch: Nachdem sich die Sozialversicherungen vor einigen Jahren daran gemacht haben, die Sozialversicherungsbeträge für Scheinselbständigkeit von den Arbeitgebern nachzufordern, hat das Problem zum Glück abgenommen. Zugleich aber nimmt die Zahl prekärer Arbeitsverträge kontinuierlich zu.

Internationaler Bund in Karlsruhe (Foto: Matteo Foschi)
Internationaler Bund in Karlsruhe (Foto: Matteo Foschi)

DS: Wie hoch ist deren Zahl?

Sabine Skubsch: Die Befristungsquote liegt beim IB bei knapp 29%. Seit Jahren fordern wir IB-Betriebsräte vom Arbeitgeber eine Reduzierung der Fristverträge. In diesem Jahr konnten wir endlich eine Konzernbetriebsvereinbarung abschließen, mit der Fristverträge deutlich eingeschränkt werden. Das war ein guter Schritt in die richtige Richtung, aber es gibt noch viel zu tun. Viele Arbeitsverträge sind eine Art verlängerte Probezeit. Sie machen die Menschen kaputt vor ständiger Sorge um den Arbeitsplatz und erschweren die Familienplanung.

DS: Wie stark ist Teilzeitarbeit beim IB verbreitet?

Sabine Skubsch: Etwas über die Hälfte der IB-Kollegen arbeiten in Teilzeit. Für viele ist das eine gute Möglichkeit, Familie und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Hier im IB Baden haben Betriebsrat und Geschäftsleitung ein vorbildliches Arbeitszeitmodell abgeschlossen, was den Beschäftigten viel Flexibilität bietet. Die unfreiwillige Teilzeitarbeit ist aber weiterhin für etliche Beschäftigte ein großes Problem.

DS: Befristete Arbeitsverträge, vergleichsweise geringe Gehälter, keine Aussicht auf Gehaltserhöhung, dazu wachsende Anforderungen im Beruf –hat der IB Schwierigkeiten Personal zu finden?

Sabine Skubsch: Fachkräftemangel ist überall in der Sozialen Arbeit ein Problem. Für die Träger, die weniger als der Öffentliche Dienst zahlen, ist es natürlich noch schwieriger, Personal zu bekommen.

Es wird Zeit, dass man erkennt, dass die Menschen, die unsere Kinder betreuen, unsere Alten pflegen oder Menschen mit Handicaps zur Seite stehen, genauso gut bezahlt werden müssen wie diejenigen, die unsere Autos bauen.

DS: Zum 1. Oktober 2016 ist ein gemeinsamer Manteltarifvertrag für fast alle Beschäftigten des IB in Kraft getreten. Welche Verbesserungen hat der Tarifvertrag gebracht?

Sabine Skubsch: Es ist ein großer Erfolg, dass es nach 18 Jahren endlich wieder einen Manteltarifvertrag (MTV) im IB gibt, der für die fast 900 im IB Baden beschäftigten Kolleginnen und Kollegen gilt.

Erfreulich ist, dass der neue MTV 30 Tage Urlaub für alle festschreibt, dass die Dienstjubiläen gewürdigt werden und dass es für langjährig Beschäftigte eine Aufzahlung beim Krankengeld gibt. Weiterhin beinhaltet der MTV die Unterstützung in Notlagen durch den IB, Sterbegeld, zusätzliche freie Tage für Pflegezeiten und einen zusätzlichen Urlaubstag für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer über 60 Jahre.

DS: Seit Herbst 2016 wird auch über einen neuen Entgelttarifvertrag für die Beschäftigten des IB verhandelt. Was fordern die Beschäftigten?

Sabine Skubsch: Wir wollen einen Tarifvertrag für den gesamten IB, der dem TVöD angeglichen ist. Das ist nötig und möglich. Wir machen im IB eine gute Arbeit. Der IB ist wirtschaftlich gut aufgestellt. Letztendlich müssen auch die Arbeitgeber begreifen, dass es auch dem IB schaden wird, wenn unsere Gehälter noch weiter von der allgemeinen Lohnentwicklung wegdriften. Ich befürchte aber, dass wir erstmal auf die Straße gehen müssen, bevor wir dieses Ziel erreichen.

DS: Was erwartest du von der Politik?

Sabine Skubsch: Öffentliche Auftraggeber sollten im Bereich Jugend-, Bildungs- und Sozialarbeit die Vergabe an die Bedingung knüpfen, dass die Träger das Personal mindestens nach TVöD-Standards bezahlen.

Wir machen die gleiche Arbeit. Warum werden wir schlechter bezahlt als die Kolleginnen und Kollegen, die beispielsweise bei den Kommunen angestellt sind?

DS: Vielen Dank für das Interview.

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