Beiträge für eine Lebendige Streitkultur in Karlsruhe

Arbeitswelt

ErzieherInnen sind mehr wert!

Ein Gespräch mit einer Erzieherin über die anstehende Tarifrunde

Warnstreik am 28.03.2015 (Foto: Matteo Foschi)

Seit Ende Februar verhandeln die kommunalen Arbeitgeber und die Gewerkschaften über eine Verbesserung der Richtlinie, die über die Höhe der Vergütung der Beschäftigten im kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst bestimmt. Konkret geht es um die Gehälter von über 250.000 ArbeitnehmerInnen, darunter ca. 200.000 ErzieherInnen, in Kindertageseinrichtungen, Jugendzentren, Heimen, Beratungsstellen und anderen Einrichtungen in öffentlicher Trägerschaft. Weil die Verhandlungsergebnisse oft auch als Richtwerte für die Vergütung von Beschäftigten in privaten Einrichtungen dienen, warten bundesweit weitere 800.000 Beschäftigte bei privaten Trägern auf das Ergebnis dieser Tarifrunde.

Das Bruttogehalt von ErzieherInnen, die in kommunalen Kitas Vollzeit beschäftigt sind, beträgt durchschnittlich ca. 2800 Euro monatlich. Damit verdienen ErzierInnen knapp 600 Euro weniger als der Durchschnitt aller Beschäftigten (Quelle: Statistisches Bundesamt, Verdienste 2013).

Private Träger, die nicht nach Tarif bezahlen, weisen noch geringere Vergütungen aus. Die Gewerkschaften ver.di und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordern unter anderem eine Gehaltssteigerung von zehn Prozent und bessere Regelungen bei der Anerkennung von Berufserfahrungen. Es ist mit einer lang andauernden Auseinandersetzung zu rechnen und ab Ende März auch mit Streiks.

Allein in Karlsruhe sind mehrere Hundert ErzieherInnen betroffen.Über die Hintergründe dieses Kampfes und die Forderungen der Beschäftigten sprach Matteo Foschi mit KatiaKatia*, Erzieherin in einer Karlsruher Kita.

Nach einem kalten Winter soll endlich ein heißer Frühling kommen…Kannst du uns erklären, warum die ErzieherInnen auf die Straße gehen werden?

Naja, es geht wie so oft um mehr Geld, aber Geld ist nicht alles bei dieser Geschichte. Wir wollen Wertschätzung erfahren. Die Erwartungen an unsere Arbeit werden immer vielfältiger. Im Unterschied zu den 70er und 80er Jahren, als der Ausbau der Kindergärten noch aus der Perspektive der Vereinbarkeit von Beruf und Familie – also der Kinderbetreuung – diskutiert wurde, geht es heute primär um frühe Bildung und Förderung. Mehr als je zuvor wird erwartet, dass ErzieherInnen Kinder nicht nur beim Spielen beaufsichtigen und ihnen zu essen geben. ErzieherInnen sollen nun mit der bestmöglichen individuellen Förderung den Kindern zu einem guten Übergang in die Schule verhelfen, vorhandene Defizite kompensieren und Eltern pädagogisch begleiten. Wir sollen Vorbilder, OrganisatorInnen, BildungsarbeiterInnen, TrösterInnen, ManagerInnen und manchmal auch Sorgentelefon, PlanerIn, GesundheitsexpertIn und pädagogische WegbegleiterIn sein… und dazwischen Windeln wechseln und Tränen abwischen. Es ist ein toller Beruf, kann aber auch sehr anstrengend sein.

Die Vereinigung der Kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA), behauptet, die Gehälter der rund 200.000 ErzieherInnen seien in den letzten Jahren genug gestiegen. Reicht euch die zunehmende gesellschaftliche Anerkennung zunächst nicht?

Die Dankbarkeit der Eltern ist schön und die gesellschaftliche Anerkennung auch, aber wir wollen auch ein Gehalt, das die Wertschätzung gegenüber unserem Beruf ausdrückt und seinen gestiegenen Anforderungen entspricht. Dafür muss der Arbeitgeber sorgen. Bis heute werden zum Beispiel Fortbildungen und Zusatzqualifikationen kaum honoriert und beim Wechseln des Arbeitgebers läuft man sogar Gefahr, mit der Bezahlung heruntergestuft zu werden. Es ist daher kein Wunder, dass Fachkräftemangel herrscht. Trotz der sehr guten Einstellungschancen gelingt es nicht, Männer für diesen Beruf zu gewinnen. Sie gehen lieber in technische Berufe, wo die Verdienstaussichten viel höher sind.

Würde mehr Geld wirklich reichen, um den Beruf attraktiver zu machen?

Nein natürlich nicht, dies hängt von vielen Bedingungen ab, zum Beispiel mehr Personal, kleinere Gruppen, Zeit für Vor- und Nachbereitung und vieles mehr. Aber diese sind Aspekte, die nicht per Tarifvertrag geregelt werden können. Hier ist die Politik gefragt.

Ist es nicht so, dass viele Arbeitgeber bereits jetzt wegen des ErzieherInnenmangels übertarifliche Gehälter zahlen?

Tatsächlich ist es so, dass nicht wenige öffentliche und zunehmend auch einige private Arbeitgeber zur Deckung des Personalbedarfs Zulagen zahlen oder neu eingestellten KollegInnen bessere Einstellungsbedingungen anbieten. Das geschieht schlicht und ergreifend nur, weil sie zurzeit Schwierigkeiten haben, auf dem Arbeitsmarkt Fachpersonal zu finden. Das war bis vor einigen Jahren nicht so. Sobald sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt beruhigen wird, werden auch Zulagen und sonstige Vergünstigungen wieder verschwinden. Die Gewerkschaften wollen dagegen verbindliche Regelungen vereinbaren, die für alle gelten und nicht von der Arbeitsmarktkonjunktur abhängig sind.

Wie reagieren die Beschäftigten auf diese Willkür?

Wer davon profitiert, freut sich natürlich, die KollegInnen, die von solchen Begünstigungen ausgeschlossen sind, fühlen sich dagegen zu Recht benachteiligt.

Wann geht es los? Worauf sollen wir uns einstellen?

In den Kitas wird derzeit über die bevorstehende Auseinandersetzung diskutiert und man hat schon begonnen, die Eltern darüber zu informieren. Die Gewerkschaften haben am 25. Februar die Verhandlungen aufgenommen, weitere Verhandlungstermine sind für Ende März angesagt. Sollte man bis dahin zu keiner Einigung kommen, ist zunächst mit Warnstreiks zu rechnen. Ich gehe außerdem davon aus, dass ver.di und GEW weitere Initiativen organisieren werden, um die Öffentlichkeit zu informieren und vor allem die Eltern für unsere Forderungen zu gewinnen.

Werden auch die Karlsruher Erziehrinnen streiken?

Darauf könnt ihr euch verlassen.

Danke für das Gespräch. (mf)

* Name von der Redaktion geändert.

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