Beiträge für eine Lebendige Streitkultur in Karlsruhe

Stadtleben

Fremd in Karlsruhe

Die Leidenserfahrungen unter der alltäglichen Ausgrenzung

Fremd in Karlsruhe. (Karikatur: Benedict Holbein)

Rassismus im Alltag ist auch in Karlsruhe allgegenwärtig. Meistens sind die Erlebnisse sehr subtil, meist sind es nur beiläufige Bemerkungen oder Blicke, die Betroffene verletzen. Diese Übergriffe werden von nicht Betroffenen daher oft als unbedeutende Einzelfälle oder Kleinigkeiten à la „Das war doch nur ein Witz…“ abgetan und nicht thematisiert. Tatsächlich werden viele Menschen, die ihrem Akzent oder ihrem Aussehen zufolge als nicht-von-hier stammend erkannt werden, tagtäglich teils versteckt, teils ganz direkt rassistisch motiviert angefeindet. Aus Angst, nicht ernst genommen zu werden oder die Ausgrenzung noch zu verstärken, wird dies schweigend ertragen.

Trotzdem gibt es zahlreiche Beispiele, die einem eine Vorstellung geben können, wie vielschichtig die Ausgrenzung im Alltag ist. Wenn beispielsweise Frau Accam Badum* im Spielwarengeschäft in der Karlsruher Innenstadt auf Schritt und Tritt verfolgt wird und eine Ladenmitarbeiterin ertappt, wie sie den Kinderwagen heimlich auf vermeintliches Diebesgut kontrolliert, oder die junge Consuela* von oben bis unten gemustert wird, wenn sie ein Modehaus in der Waldstraße betritt, werden offensichtlich Vorurteile gegenüber Migranten bedient. Selbiges gilt, wenn Serhan* als einziger in der S-Bahn kontrolliert wird oder Mohamad* regelmäßig umringt von Sicherheitspersonal im Karlsruher Bahnhof steht und ausgefragt wird. Werden die Rollen vertauscht, sind die Gesten nicht minder verletzend, beispielsweise für den Verkäufer, dessen Beratung abgelehnt wird, obwohl alle anderen Mitarbeiter im Moment beschäftigt sind. Noch direkter zeigt sich der unterschwellige Rassismus, wenn Kunden vor der Berührung der Kosmetikerin zurückschrecken und sich dann von der weißen Kollegin eincremen lassen.

Die Szene vor der Disco, wo einer Gruppe junger schwarzer Männer der Zutritt mit den Worten „Die sind auf Stress aus“ verweigert wird, haben viele schon erlebt.

Subtiler ist dagegen die Einlassverweigerung eines Türstehers eines Clubs in der Hirschstraße, als Carolina* als einzige der Gruppe kontrolliert wird, jedoch nur einen ausländischen Ausweis und elektronischen Aufenthaltstitel vorzeigen kann, die trotz Passbild und Geburtsdatum nicht akzeptiert werden. Auf die Aussage, dass sie nun mal keinen Personalausweis besitze, wird nur „Das ist Pech“ entgegnet. Wer einmal vor dem Bürgerbüro West in die aufgelösten, Tränen überströmten Gesichter der Menschen blickt, die aus der Ausländerbehörde kommen, sieht noch ein anderes Bild der Pein, der Migranten ausgesetzt sind. Denn von staatlicher Seite kommt der Alltagsrassismus oft noch schamloser daher. Sophia*, die ihr Physikstudium in Deutschland mit sehr gutem Ergebnis absolvierte, bekommt nach dem Abschluss zwölf Monate Zeit, um eine feste Stelle zu finden. Die von ihrem Professor angebotene Promotionsstelle darf sie nicht annehmen, weil das Doktorantengehalt unterhalb der von der Ausländerbehörde festgelegten Mindestgrenze liegt. Als sie kurz vor Ablauf der Frist meldet: „Ich habe noch keinen Job bekommen, meine Möbel konnte ich noch nicht verkaufen und mein Geld reicht nicht für ein Flugticket…“, bekommt sie von der Sachbearbeiterin die zynische Antwort: „Darum kümmern wir uns schon“ zurück. Sie hatte Glück und erhielt Tage vor der drohenden Abschiebung einen Arbeitsvertrag, allerdings, der verzweifelten Situation geschuldet, in einem Job, der weit unter ihrer Qualifikation liegt. Mittlerweile lebt sie seit mehr als 10 Jahren in der BRD, spricht perfekt Deutsch, hat ein deutsches Abitur, ein deutsches Diplom und eine gut bezahlte unbefristete Arbeitsstelle in Karlsruhe vorzuweisen und kämpft trotzdem vergeblich um die Staatsbürgerschaft. Ohne die kann der Verlust des Arbeitsplatzes auch die sofortige Abschiebung bedeuten – diese Angst blockiert die berufliche und persönliche Weiterentwicklung. Das Beispiel ist kein Einzelfall. Tatsächlich gibt es in Deutschland kaum überwindbare Hürden für EinwandererInnen, um hier Fuß zu fassen. Das selbst hochqualifizierten Fachkräften, deren Ausbildung zum Großteil sogar von Deutschland finanziert wurde, das Hierbleiben derart schwer gemacht wird, während von Industrie und Politik allerorts der große Fachkräftemangel beklagt wird, ist nur die Spitze des Eisbergs und verdeutlicht die Irrationalität.

Die meisten Fälle rassistischer Diskriminierungen bleiben unbekannt.

Betroffene fürchten sich davor, sich mitzuteilen, denn die gängigen Reaktionen sind Leugnung oder Aggression und von Behördenseite sogar staatliche Ausgrenzung. Deswegen ist ein erster Schritt hinzuschauen und das Problem anzuerkennen – den Rassismus auch in jeder noch so subtilen Form aufzudecken. Um ihm gänzlich die „Salonfähigkeit“ zu nehmen, müssen die stummen Zeugen im Alltag Courage zeigen und das Wort ergreifen, um ihn bloß zu stellen. Um nachhaltig etwas zu verändern, ist es wichtig, diese Fälle publik zu machen, um Betroffenen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind und das Problem zur öffentlichen Diskussion zu bringen. Berichtet deshalb der Redaktion, wenn ihr Opfer oder Zeugen von Rassismus in Karlsruhe werdet. Eure eingesandten Erlebnisberichte und Fotos helfen uns, auf das Thema aufmerksam zu machen. (bh)

*Die Namen im Artikel wurden von der Redaktion geändert.

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