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Stadtleben

Früh die Weichen stellen

Integration und Sprachförderung in Karlsruher Kindertagesstätten

Einrichtungen zur Kinderbetreuung haben in den vergangenen 15 Jahren einen großen Wandel durchlaufen. Längst kommt Kindertagestätten nicht mehr nur die Rolle als Betreuungsplatz, sondern auch als Frühbildungseinrichtung, vor allem in Bezug auf Sprache, zu. Aufgrund des wachsenden Anteils von Kindern mit Migrationshintergrund müssen sie gleichzeitig integrative Aufgaben übernehmen. Wachsende Anforderungen an Einrichtungen und Erzieher*innen, für die es entsprechender Entwicklungsprogramme bedarf.

 In Karlsruhe gibt es 194 Kitas mit über 10.000 Plätzen. Der Bedarf an Plätzen steigt. Nach den Erkenntnissen der Jugendhilfeplanung fehlen rund 1.000 Plätze für Kinder im Vorschulalter. Bei den über Dreijährigen hat etwa ein Drittel der Kinder einen nicht deutschsprachigen Hintergrund. Bei den jüngeren ist der Anteil geringer. Hürden, beispielsweise, dass das Online-Anmeldeportal für Kitas nur auf Deutsch und nur mit PC benutzbar ist, Sprachbarrieren bei Eltern und lange Wartezeiten, versuche man mit Sprechstunden und neuer Software abzubauen. Der tatsächliche Bedarf an Kita-Plätzen dürfte demnach noch höher sein.

Ein wichtiger Faktor ist die Sprache

Für eine erfolgreiche Integration in die Gesellschaft sind Sprachkenntnisse entscheidend. Das gelte für Kinder aus deutschsprachigem Elternhaus wie für Kinder nicht deutschsprachiger Prägung gleichermaßen, so Frau Mirja Kinnunen von der Sozial- und Jugendbehörde. In Karlsruher Kitas werden von Kindern neben deutsch, 66 Sprachen, am häufigsten türkisch, russisch, kroatisch, polnisch und arabisch gesprochen. Unter den Erzieher*innen sind 32 verschiedene Muttersprachen, nach Russisch am häufigsten Französisch und Türkisch, vertreten.

Aus einer Erhebung zur Sprachförderung in Karlsruhe geht hervor, dass rund 20 % der einsprachig aufwachsenden und 50 % der mehrsprachigen Vorschulkinder Sprachauffälligkeiten aufweisen.

Seit September 2012 gelten die „Förderrichtlinien für Sprachförderung in Kindertagesstätten in Karlsruhe“. Im Zeitraum bis 2015 stellte die Stadt finanzielle Mittel in Höhe von 25.000 Euro für 20 Einrichtungen zur Verfügung, mit denen jeweils eine halbe Stelle, inklusive Sachkosten für eine Sprachförderkraft, finanziert wurde. Weitere acht Einrichtungen konnten über das Bundesförderprogramm „Frühe Chancen“ unterstützt werden.

Mit 50.000 Euro pro Jahr wird zudem der vom Büro für Integration organisierte „Qualitätszirkel Sprachbildung“ gefördert, der Einrichtungen und Sprachkräfte unterstützt und Qualitätskontrollen über Umfragen und Berichte durchführt.

Seit 2017 werden die meisten der zuvor mit städtischen Mitteln geförderten Kitas über das Bundesprogramm „Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“ gefördert, das bis Ende 2020 läuft. Insgesamt profitieren inzwischen über 60 Kitas von einer zusätzlichen Fachkraft für Sprachbildung, also ein knappes Drittel aller Einrichtungen.  Die Auswahl der Einrichtungen für das Bundesprogramms erfolgt anhand der Höhe des Migrationsanteils, beim Karlsruher Programm  ist der Anteil aller Kinder mit Sprachförderbedarf maßgeblich. Dies betrifft auch viele deutschsprachige Kinder.

Eltern und Kitateams erziehen

Rollenkonflikte, Berührungsängste, Erzieher*innenteams, die sich den Sprachbildungskräften gegenüber abweisend verhalten, fehlendes methodisches und didaktischen Wissen zur Anwendung sprachbildender Maßnahmen, die in der Erzieher*innenausbildung nicht vermittelt werden: In den Tutorien für Kitaleitungen und Teams, gemeinsam mit der jeweiligen Sprachbildungskraft, müssen viele Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt werden. Auch Mirja Kinnunen, Jugendhilfeplanerin und zuständig für die Koordination der Kitasprachförderung in Karlsruhe, bestätigt: „Die größte Herausforderung sind nicht die Kinder, sondern der Umgang mit Eltern und im Team.“ Erzieher*innen hätten heute „eine ganz neue Rolle in der Erwachsenenbildung.“ Hier habe es in den vergangenen 15 Jahren einen erheblichen Wandel gegeben. Einige Eltern haben hohe Erwartungen bezüglich einer professionellen Erziehung, andere Berührungsängste mit modernen Methoden. Fachkräfte in dem Bereich sind stark gesucht, die Personallage angespannt.  „Ich ziehe den Hut vor den Kitas mit bis zu 90 % Migrationsanteil, denen ihre Arbeit angesichts der schwierigen Umstände gut gelingt“, betont sie. Eine erfolgreiche Integration setze eigentlich bereits vor der Kita an, um Hemmschwellen abzubauen, beispielsweise „wenn die syrische Mutter schon mit ihrem Baby im Elterncafé Kontakt findet.“

Um dem Personalmangel entgegen zu wirken, müsse die Bezahlung des Erziehungspersonals verbessert werden, dem die Wertschätzung für die Wichtigkeit der Arbeit entgehe. Letztlich hinge alles an der Finanzierung. „Die Programme sind teuer, aber das Geld ist gut angelegt.“

Die Dokumentation zur ersten Förderperiode empfiehlt, Kooperationen und Vernetzung mit anderen Stellen zu stärken und so Angebote in die Kitas zu holen. Zudem wird eine Prozessbegleitung zur Sicherung von Qualität und Nachhaltigkeit, die über die Tutorienfinanzierung hinausgeht, in Form einer Fachberatung für Sprachbildung gefordert. Diese wird inzwischen über das Bundesprogramm „Sprach-Kitas“ gefördert.

Alltagsorientierte Sprachbildung

Die Sprachförderprogramme setzen auf eine alltagsintegrierte statt einer defizitären Sprachbildung.

„Es geht nicht darum, die drei bedürftigen Kinder raus zu picken, sondern gemeinsam mit Sprache zu arbeiten“, beschreibt das Mirja Kinnunen. Es gäbe kein ‚falsch und richtig‘ oder ein starres Programm. Man müsse die existierende Heterogenität und den Standort Deutschland in Einklang bringen. Das heißt, dass verschiedene Spracheinflüsse akzeptiert und in die Sprachbildung eingebaut werden, ohne das Ziel, allen Kindern Deutsch zu vermitteln, aus den Augen zu verlieren. Die Sprachförderkraft sei „Multiplikator, um für Sprache zu sensibilisieren“.

In den Kitas wurden dazu beispielsweise Sprachzimmer oder Kinderbüchereien eingerichtet und regelmäßig Veranstaltungen wie Eltern-Kind-Cafés oder kulturelle Ausflüge organisiert. In Teamsitzungen und Fortbildungen arbeite das Personal an Sprachbildungskonzepten.

„Entscheidend ist aber die Grundhaltung der Beteiligten“, ist sich Kinnunen sicher. Man müsse „Vielfalt als Ressource“ und nicht als Problem begreifen. Dafür gäbe es gute Beispiele von Kitas, die mit sehr schlecht ausgestatteten Einrichtungen und vielen unterschiedlichen kulturellen und sprachlichen Einflüssen zurechtkommen müssen, durch die mithilfe von Sprachförderkräften, Tutor*innen und zusätzlich heilpädagogischen Kräften im Bereich Logopädie aber eine erfolgreiche Arbeit leisteten.

Kitas als Stadtteilzentren

Mirja Kinnunen sieht die Entwicklung positiv: „Seit 2012 hat eine enorme Entwicklung stattgefunden.“ Besonders das Bundesprogramm sei ein Gewinn. Es gäbe aber weiterhin noch viel zu tun. Durch ein weiteres Bundesprogramm, namens „Kita Einstieg“ habe man eine Koordinierungsstelle und Fachkräfte für vier Träger gewinnen können, die Zugangshürden erfassen und abbauen sollen.

Seit Mai 2016 entwickelt die Jugendhilfeplanung im Qualitätszirkel unter Teilnahme des Büros für Integration, Tutor*innen, und Sprachförderkräften „ ein gesamtstädtisches Sprachbildungskonzept für KiTas in Karlsruhe“. Dazu werden Themen wie Ressourcennutzung, Sprachbildung im Alltag, Vielfalt sowie prozessorientierte Fortbildung und Begleitung miteinbezogen.

Im Oktober 2014 wurde im Gemeinderat der Fortschreibung und Umbenennung des Programms zugestimmt, wodurch „Sprachbildung“  bis 2017 mit einem auf 23.000 Euro gesenkten Satz neben den bereits  versorgten, in 14 weiteren Einrichtungen gefördert wird. Auch die Weiterführung des „Qualitätszirkel Sprachbildung“ wurde beschlossen.

Für Mirja Kinnunen folgt aus richtungsweisenden Kooperationen mit anderen Stellen wie Sportvereinen, die Einbeziehung von Familien und Angebote wie Cafés, die logische Weiterentwicklung von Kitas zu Familienzentren mit Stadtteilvernetzung.

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