Beiträge für eine Lebendige Streitkultur in Karlsruhe

Schwerpunkt

Vorbereitungsklasse oder Sackgasse?

Mangelnde Planung und Finanzierung

Seit der Beschulung der Kinder der ersten Gastarbeiter sind mehr als 50 Jahre vergangen. Trotzdem sucht die Frage der schulischen Integration von Kindern mit Migrationsintergrund immer noch nach adäquaten Antworten – auch in Baden-Württemberg. Denn nach wie vor weist das Flächenland im Südwesten der Republik den höchsten Anteil an ausländischen Schüler*innen an Förderschulen aus.

Die Bestrebungen im Rahmen der Flüchtlingshilfe haben begrüßungswerte neue Impulse im Bereich der schulischen Integrationsarbeit generiert. Doch auch hier sind Probleme der Planung und prekären Bildungsfinanzierung erkennbar und drohen, eine durchaus positive Entwicklung im Keim zu ersticken.
Schaut man nach den Faktoren für eine gelungene schulische Integration, fallen nach Nazli Türkoglu, Expertin für Migrationsfragen im Personalrat beim Schulamt Karlsruhe, dem Sprachenerwerb und einem fördernden familiären Kontext eine besondere Bedeutung zu. „Aus der Perspektive der aufnehmenden Gesellschaft kann schulische Integration durch eine offene Willkommenskultur und passende Bildungsangebote begünstigt werden, die auf die Entwicklungsbedürfnisse des Einzelnen abstellen“, so die Montessori-Pädagogin.

In diesem Zusammenhang sind die Bestrebungen der Flüchtlingsarbeit der letzten Jahre durchaus zu begrüßen. Denn von den im Rahmen der ehrenamtlichen und institutionellen Flüchtlingshilfe entstandenen Angeboten und Förderprogrammen (Nachhilfe, Sprachförderung an Schulen, Eingliederung in die Arbeitswelt, etc.) konnten mittelfristig nicht nur die Geflüchteten im engeren Sinne, sondern insgesamt die Willkommenskultur im Bildungswesen profitieren.

Die VKL als Vorzeigemodell schulischer Integrationsarbeit

Von den inzwischen 29 verschiedenen öffentlichen Förderprogrammen und Maßnahmen zur Integration von jungen Flüchtlingen in Baden–Württemberg hat die Einführung der Vorbereitungsklasse (VKL) besondere Relevanz für die Integration von Flüchtlingskindern. Inzwischen bieten neun Karlsruher Schulen, meistens Grundschulen, eine VKL-Klasse an.

Didaktisch liegt der Vorteil einer Vorbereitungsklasse in der geringeren Schüler*innenzahl und dem gezielten Erlernen der deutschen Sprache mit vielen Übungen: Durch Sprach- und Rollenspiele, Reime, Lieder und viele weitere Sprechanlässe sollen deutsche Sprachkenntnisse so vermittelt werden, dass eine möglichst schnelle Eingliederung in eine Regelklasse (in der Regel in ein oder zwei Jahren) möglich wird. Und da jedes VKL-Team im Prinzip die Inhalte selbst festlegen und Schwerpunkte setzen kann, kann ein auf praktische Dinge des Lebens ausgerichtetes Schulcurriculum entwickelt werden, was die Integration in der Aufnahmegesellschaft deutlich erleichtert. Davon profitieren natürlich nicht nur geflüchtete Kinder, sondern auch andere Kinder mit Migrationshintergrund, die aus anderen Anlässen nach Deutschland kommen und über keine oder sehr wenige Deutschkenntnissen verfügen.

Bildung braucht Finanzierung

Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt. Auch bei dem Vorzeigemodell VKL gibt es deutlichen Nachholbedarf. Zu den größten Problemen zählt Wolfgang Oestreicher, Lehrer in einer VKL-Klasse, „ungeeignete Räume, sowie die Tatsache, dass viele Stunden wegen Vertretung in den Regelklassen ausfallen.“ Auch die durchschnittliche Größe einer VKL-Klasse, derzeit 24 Schüler*innen, macht die notwendige Binnendifferenzierung im Unterricht schwierig. „Wir brauchen mehr doppelt besetzte Stunden und kleinere Klassen und vor allem eine bessere Planung: Denn leider ist es inzwischen sehr schwer geworden, die Kinder nach zwei Jahren VKL-Klasse in Hauptschul- oder Realschulklassen unterzubringen“, so der engagierte Pädagoge mit über 30 Jahren Berufserfahrung. Der Grund? Ganz trivial: Dort sind die Klassen voll und wegen fehlender Räume und Lehrkräfte können keine neuen Klassen gebildet werden.
Es bleibt zu hoffen, dass die schlechte Lehrer*innenversorgung nicht zum Anlass genommen wird, qualifizierte und erfahrene VKL-Lehrer in die Regelklasse zu holen und die Betreuung der VKL-Klassen durch unqualifizierte bzw. unerfahrene Lernbegleiter zu ersetzen. Denn dann müssten die Schwächsten unter der mangelhaften Planung und prekären Finanzierung des Bildungswesens am meisten leiden.

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