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Stadtleben

Wohnen: Schikane und Kündigung

Reportage über einen MieterInnenstreit in Karlsruhe

Modernisierungen kommen MieterInnen teuer zu stehen (Foto: Benedict Holbein)

Mietspiegel und Modernisierungen führen zu Verdrängung. Soviel zur Theorie. Real geht es um Menschen, deren Existenz bedroht wird.

So ergeht es auch Petra, die Ihren richtigen Namen nicht nennen möchte. Die selbstständige Künstlerin lebte zufrieden in ihrer – nicht mängelfreien, aber günstigen, stadt- und arbeitsortnahen Altbauwohnung in der Südweststadt, bis kürzlich die Ankündigung des Vermieters zur Modernisierung des Mehrparteienwohnhauses kam. Jetzt droht ihr die Kündigung.

Unser Redaktionsmitglied Benedict Holbein hat mit ihr gesprochen.

Seit wann lebst Du in Deiner Wohnung?

Ich bin vor 17 Jahren in diese Wohnung gezogen. Die Eigentümerin war eine energische Witwe von 75 Jahren. Es ging eigentlich recht familiär zu. Die MieterInnen wurden zu Familienfesten eingeladen, man schwätzte, teilte Selbstgebackenes, spielte mit den Enkeln im Mehrgenerationenhaus, man kannte und kümmerte sich. Es war ein soziales Miteinander. Nach ihrem Tod hat sich nicht so viel geändert. Ihre beiden Söhne erbten das Haus. Am Haus selbst war so gut wie nichts gemacht worden.

Wie kam es zur Kündigung?

Vor 2 Jahren starb einer der Besitzer und sein  Erbteil ging an seine Kinder über. Ich kenne sie, seit sie klein sind, hab‘ auf ihren Kindergeburtstagen Puppentheater gespielt und auch sonst einiges mit ihnen erlebt, wenn sie bei ihrer Oma zu Besuch waren.  Mittlerweile sind sie erwachsen und leben in München oder sonst wo.  Ihr Stiefvater hat die Hausverwaltung übernommen und die andere Haushälfte gekauft. Nach einer superfreundlichen Vorstellung bekam ich als erstes eine 20 prozentige Mieterhöhung, sollte meinen Speicherplatz räumen und für die Zeit nach der Modernisierung wurde mir eine weitere Mieterhöhung um ca. 65 % angekündigt. Das Haus wird saniert, mit Dachgarten, Außenaufzug und Video-Überwachung. Mir wurde vom Hausverwalter mitgeteilt, dass ich – trotz Nutzung seit meinem Einzug – kein Anrecht auf Speicher und Fahrradstellplatz hätte und sich die MieterInnen im Hof und Garten nicht aufhalten dürften.

Zur fristlosen Kündigung kam es, weil ich meinen Anspruch auf Ersatz für den Speicher- und Fahrradstellplatz anmeldete und darauf beharrte. Das habe ich natürlich vorher mit meinem Rechtsanwalt beim Mieterschutzbund besprochen. Seither bekomme ich nur noch anwaltliche Schreiben mit dem Hinweis, dass die Eigentümer nicht gesprächsbereit wären.

Was, wenn Du die Wohnung verlierst? Hast Du eine Alternative?

Ich möchte in der Wohnung und in diesem Viertel bleiben.

Seit ich in Karlsruhe bin, seit 1993, lebe ich in der Südweststadt. Dieser Stadtteil ist mein Zuhause und auch die Schule, an der ich Kunstprojekte mache, ist hier in der Nähe.

Alternative? In der Südweststadt? In Karlsruhe überhaupt? Bei den Mietpreisen und den drastischen Kürzungen seit Jahren im Kunst-, Kultur-und Schulbereich?!

Was kommt jetzt auf Dich zu?

Jetzt sind zuerst einmal die Sanierungs-und Renovierungsarbeiten auf mich zugekommen, mit viel Staub, Lärm und Dreck im ganzen Haus. Meine Wohnungsnachbarin ist 81 Jahre alt. Um sie mache ich mir im Moment am meisten Sorgen. Ich habe schon einmal erlebt, dass eine betagte Nachbarin gestorben ist, als sie gegen ihren Willen ihre Wohnung zu Sanierungszwecken räumen sollte.

Kennst Du Leute in ähnlichen Situationen?

Ja, einige. Wir haben gerade die Räumung der Ateliers Hinterm Hauptbahnhof hinter uns. Irgendwie fühle ich mich als Kunstschaffende in Karlsruhe nach 23 Jahren nicht mehr willkommen.

Wenn ich meine Wohnung hier nach all den Jahren verliere, bedeutet das für mich eine soziale und menschliche Härte. Menschlich erschüttert es mich besonders. Da ist  eine Vermieter- und Erbengeneration herangewachsen, die nur das schnelle Geld ohne Wenn und Aber interessiert und eiskalt kalkuliert.

Alles Gute für die weitere Auseinandersetzung und herzlichen Dank.

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