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Stadtleben

Exklusive Neonazi-Konzerte im Raum Karlsruhe

Landtagsanfrage der Grünen

Seit Jahren gilt Karlsruhe als Dreh- und Angelpunkt der Rechtsrock-Szene in Südwestdeutschland. Immer wieder treten rechtsextremistische Bands und Sänger im Landkreis auf. Einer der bekanntesten von ihnen ist Michael „Lunikoff“ Regener. Die deutsche Rechtsrock-Ikone schlechthin ist seit 2014 offenbar sechs Mal im Raum Karlsruhe aufgetreten. Das hat eine Kleine Anfrage von mir und meiner Kollegin Bettina Lisbach ergeben.

Die Berliner „Landser“ waren selbst ernannte „Terroristen mit E-Gitarren“ – die erste Musikgruppe in Deutschland, die von einem Gericht als kriminelle Vereinigung verurteilt wurde. Und „Luni“, wie Michael „Lunikoff“ Regener von seinen Kameraden genannt wird,  war ihr Sänger.

Auszug aus einem „Landser“-Lied:

„Ich seh den Rassenkrieg beginnen.
Ich spür die Wut in unserm Land.
Ich weiß, wir werden ihn gewinnen.
Was dann passiert ist allen wohlbekannt. […]
Ich weiß, Ihr habt alle Waffen.
Und ihr seid zum Kampf bereit.
Gemeinsam werden wir es schaffen:
Den Aufbruch in eine neue Zeit.“

Für seine Karriere als Neonazi-Rockstar ist „Lunikoff“ vor Gericht gerade gestanden und, anders als seine musikalischen Mitstreiter, ins Gefängnis gegangen. Deshalb genießt er in der Neonazi-Szene Märtyrer- und Kultstatus.

Mit seiner neuen musikalischen Formation „Die Lunikoff-Verschwörung“ ist er ein Publikumsmagnet. Zu seinen Konzerten kommen oft mehr als 1000 Leute. Im Jahr 2017 spielte er im thüringischen Themar sogar vor 6000 Besuchern.

Im Raum Karlsruhe hat er nach Informationen der Landesregierung jedoch nur vor jeweils 30 bis 100 Personen gespielt – und das seit 2014 wohl sechs Mal. Folglich kann es sich um keine einmalige organisatorische Pleite, etwa in Form mangelhafter Werbung, gehandelt haben.

Bei diesen „Lunikoff“-Konzerten dürfte es sich vielmehr um exklusive Szene-Veranstaltungen vor handverlesenem Kameradenkreis handeln. Dass der Berliner Rechtsrock-Star gleich mehrfach bereit war, vor derart kleinem Publikum zu spielen, lässt sehr gute persönliche Kontakte zu Neonazis im Raum Karlsruhe vermuten. Einmal soll er laut Landesregierung sogar zwei Mal in einem Monat aufgetreten sein – einmal in Karlsruhe, einmal in Hambrücken.

Karlsruhe ist seit jeher ein Dreh- und Angelpunkt der Rechtsrock-Szene in Südwestdeutschland und darüber hinaus. Ging dort doch viele Jahre lang Hartwin K. seinen international ausgerichteten Geschäften nach – als Tonträger-Produzent (Ragnarök-Records) und als Konzertorganisator. Vor dem „Blood & Honour“-Verbot galt K., der inzwischen den Nachnamen seiner Ehefrau angenommen hat, in dem Neonazi-Netzwerk als stellvertretender Führer und Kopf der Sektion „Baden“. Nach dem Verbot war er in Nachfolge-Bestrebungen verwickelt. Das Landgericht Karlsruhe hat ihn im Jahr 2011 als Rädelsführer der verbotenen Vereinigung verurteilt.

Seit dem Jahr 2010 hat die Landesregierung in Karlsruhe und Umgebung 16 rechtsextremistische Musikveranstaltungen gezählt. Als musikalische Akteure aus dem Raum Karlsruhe sind ihr der Liedermacher „Der Rebell“ und die Band „Germanium“ bekannt.

Neun Mal soll „Germanium“ in den vergangenen eineinhalb Jahren aufgetreten sein – davon zwei Mal im benachbarten Ausland und bei zwei Konzerten vor einem vierstelligen Publikum. Das überrascht. Denn bisher ist nicht einmal eine CD der Band im einschlägigen Handel feststellbar, auch wenn im aktuellen Verfassungsschutzbericht eine CD-Produktion erwähnt wird. Wie kommt es, dass eine junge und damit unbekannte Band derart gefragt ist und sogar zu Großveranstaltungen eingeladen wird? Hier besteht weiterer Aufklärungsbedarf!

Auch bezüglich der Konzertveranstalter sind weitergehende Informationen erforderlich. Erwähnt werden von der Landesregierung die aufgelöste Gruppierung „Nationale Sozialisten Rastatt“, die Partei „Die Rechte“ und „Einzelpersonen“. Wer sind diese Einzelpersonen, handelt es sich dabei beispielsweise um frühere „Blood & Honour“-Mitglieder?

Die Landesregierung hat außerdem mitgeteilt, dass von sämtlichen rechtsextremistischen Konzerten, die im Raum Karlsruhe stattgefunden haben, „keine Straftaten bekannt wurden“. Das lässt jedoch weniger auf die herausragende Rechtschaffenheit badischer Neonazis schließen, als vielmehr Ermittlungsdefizite befürchten. Denn aus journalistischen Recherchen ist bekannt, dass Straftaten bei konspirativ organisierten Konzerten die Regel und sogar bei öffentlichen Szene-Veranstaltungen verbreitet sind. Insbesondere Propagandadelikte wie der „Hitlergruß“ und der Ruf „Sieg Heil“ werden bei den Musikveranstaltungen geradezu rauschhaft verübt. Die braune Szene selbst spricht dabei von „abhitlern“.

Nur wenn Ermittler bei rechtsextremistischen Konzerten anwesend sind und das Geschehen auf der Bühne und im Publikum sehen und hören, können Straftaten „bekannt werden“. Das klingt banal – ist aber in der polizeilichen Praxis die Ausnahme. Denn bei Saalveranstaltungen der Szene sind die Beamten meist allenfalls draußen präsent, wo nichts zu sehen und nur wenig zu hören ist.

Alexander Salomon, MdL die Grünen

 

 

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