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Stadtleben

Karlsruhe kann Naziaufmärsche verhindern

Antifa Karlsruhe im Interview

Im Mai 2016 hat sich die „Antifaschistische Aktion Karlsruhe“ (AAK) gegründet. Sie möchte damit die Lücke schließen, die die Autonome Antifa Karlsruhe seit ihrer Auflösung 2013 hinterlassen hat. Die Fragen stellten Florian Kaufmann und Jan Krüger.

Druckschrift: In den letzten Jahren haben sich bundesweit einige größere Antifa-Gruppen aufgelöst oder sich breiteren linken Organisationen angeschlossen. Was brachte Euch jetzt zur Gründung einer neuen Antifa-Gruppe in Karlsruhe?

AAK: Da spielten verschiedene Faktoren eine Rolle. Zunächst muss man festhalten, dass sich seit der Auflösung der Autonomen Antifa Karlsruhe eine vor allem organisatorische Lücke aufgetan hat, die so einfach nicht zu schließen war. Im Zuge dessen nahmen dann natürlich auch antifaschistische Interventionen und Präventivarbeit ab, was dazu geführt hat, dass man nicht adäquat und mit ausreichender Kraft auf die hier rüber schwappende Pegida-Welle reagieren konnte. Gleichzeitig haben sich die freien Kameradschaftsstrukturen – nachdem sich das Karlsruher Netzwerk aufgelöst hatte – wieder organisiert beziehungsweise sind gänzlich im Kreisverband Karlsruhe der faschistischen Partei „Die Rechte“ aufgegangen. Neben diesen konfus rechtsradikalen und offen faschistischen Tendenzen der oben genannten Organisationen gibt es mittlerweile auch eine Ortsgruppe der Identitären Bewegung in Karlsruhe, die auch immer offener propagandistisch in Erscheinung tritt und gerade durch den aktuellen Rechtsruck an vermeintlicher Legitimität gewinnt. In die gleiche Richtung geht auch die Partei Alternative für Deutschland (AfD), die sich in Karlsruhe zwar in ihren Äußerungen und ihrem Aktionismus eher bedeckt hält, aber an Gefährlichkeit nicht zu unterschätzen ist.

Druckschrift: Der Ausbau der „Festung Europa“, das Erstarken rechtspopulistischer Parteien oder ein reger Mob aus Neonazis und „besorgten BürgerInnen“ auf der Straße – aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen, die Ihr als antifaschistische Gruppe sicher aufmerksam verfolgt. Wo liegen die Schwerpunkte der „Antifaschistische Aktion Karlsruhe“ und wie wollt Ihr in Karlsruhe konkret wirken?

AAK: Die Schwerpunkte unserer Arbeit beziehen sich genau auf diese Gemengelage. Wir wollen aktiv und aktionistisch intervenieren, wissen zugleich aber auch, dass das nur ein Teil antifaschistischer Arbeit sein kann. Für uns ist es wichtig, den aktuellen Rechtsruck zu analysieren, um daraus Strategien präventiver Arbeit abzuleiten. Für uns ist darüber hinaus wichtig, zu vermitteln, dass der aktuelle Rechtsruck nicht primär aus der sozialen Wirklichkeit beziehungsweise der sozialen Lage vieler Menschen entstanden ist, sondern dass vielmehr immer noch verhaftete nationalistische und rassistische Denkmuster in weiten Teilen der Gesellschaft sich nun im Zuge einer steigenden Migration beziehungsweise Fluchtbewegungen kanalisieren. Daher sehen wir es auch als immens wichtig an, die soziale Frage nicht als alleinigen Ausgangspunkt von Antifaschismus zu sehen. Rassismus und Faschismus entstehen aus einer Irrationalität, die mit dem tatsächlichen Sein beziehungsweise Bewusstsein der Menschen wenig zu tun haben. Daraus ergibt sich dann auch schon ein bisschen unser Wirken. Um effektiv zu sein und das Problem nicht aus den Augen zu verlieren, wollen wir uns nicht in sozialen Kämpfen verlieren, sondern wollen rechten und faschistischen Tendenzen auf lokaler Ebene durch Aufklärungs- und Interventionsarbeit etwas entgegensetzen.

Druckschrift: Antifa-Politik ist immer auch Bündnispolitik. In Karlsruhe liegt hier eine für Außenstehende kaum noch nachvollziehbare Gemengelage vor. Strebt Ihr an, Euch mit anderen Gruppen, Parteien und Verbänden im Kampf gegen rechts zu vernetzen? Wenn ja, welche bestehenden Netzwerke kommen für Euch in Frage?

AAK: Auf jeden Fall – das steht für uns außer Frage und ist auch Teil unseres Verständnisses von Antifaschismus. Wir sehen uns als strömungsübergreifende und bewusst nicht politisch-ideologisch ausgerichtete Gruppe, was demnach auch Vieles im Rahmen von Bündnispolitik erleichtert.

Mit dem „Karlsruher Netzwerk gegen Rechts“ und dem „Antifaschistischen Aktionsbündnis Karlsruhe“ (AAKA) gibt es zwei Bündnisse, die aktiv gegen Rechts wirken. Wobei wir uns aktuell primär auf die Arbeit im AAKA konzentrieren und als Teil des AAKA auch im Netzwerk gegen Rechts vertreten sind. Gerade wenn es darum geht, die geplanten Großevents der extremen Rechten in Karlsruhe und Bruchsal im kommenden Jahr zu verhindern, brauchen wir die Unterstützung anderer zivilgesellschaftlicher und politischer Organisationen – nicht nur auf Karlsruhe beschränkt.

Druckschrift: Seit weit über einem Jahr will es den antifaschistischen Gruppen und Netzwerken in Karlsruhe nicht gelingen, den Aufmärschen von „Kargida Karlsruhe“ und deren Nachfolgestrukturen ein Ende zu bereiten. Was sind hierfür die Ursachen? Wie habt Ihr die bisherigen Proteste erlebt, wie habt Ihr Euch bislang beteiligt und wie wollt Ihr als Gruppe in Zukunft mit den regelmäßigen Aufmärschen umgehen?

AAK: Ganz schwieriges Thema… Gerne würden wir die Frage in einem Satz abhaken, weil diese Demos doch schon mehr als nervend sind. Zunächst betrachten wir „Karlsruhe wehrt sich“ und Ester Seitz nicht zwingend als dauerhafte direkte politische Gefahr – viel zu konfus ist das Auftreten dieser Personengruppe. Die Teilnehmer*innenzahlen und das medial nicht (mehr) vorhandene Echo bestätigen das unserer Meinung nach auch. Dennoch gilt es diesem Spuk so schnell wie möglich ein Ende zu setzen, bevor die sogenannte „Wutbürgerbewegung“ wieder an Fahrt gewinnt. Denn das ist aufgrund der aktuellen medialen Hetze gegen Muslime und andere leider zu befürchten.

Um kurz auf die Ursachen einzugehen: Dieses „Karlsruhe wehrt sich“ bzw. „Kargida“-Ding ist unseres Erachtens durch den medialen Hype um die sogenannte „Flüchtlingskrise“ beziehungsweise den „Flüchtlingsstrom“ entstanden. Da dieser jedoch aufgrund des aktuellen Erdogan-Deals und der Aufrüstung an den Außengrenzen Europas wieder versiegt, ist auch dieses Thema nicht mehr so präsent bei den Leuten – die Aufmerksamkeitsspanne bei vielen dieser Pegida-Menschen ist zum Glück nicht so groß. Als viel gefährlicher als die direkte politische Gefahr, die von diesen Demos ausgeht, sehen wir den Aspekt, dass sich dort unterschiedliche Akteure der extremen Rechten mehr oder weniger regelmäßig treffen und natürlich untereinander Kontakte knüpfen. Vor allem organisierte Nazis von „Die Rechte“ sind uns da schon häufiger aufgefallen. Wenn man genau hinschaut und beobachtet, wer sich da alles so rumtreibt, kann man interessante Einblicke gewinnen, wie die rechte Szenen in der Region und darüber hinaus vernetzt ist. Hierzu gab es den Sommer über vereinzelte Aktionen, wie beispielsweise den Vortrag im Jubez am 21. Juli, um das Thema bei der Karlsruher Bevölkerung wieder etwas präsenter zu machen.

Druckschrift: Nun haben bundesweit extrem rechte Gruppen angekündigt, 2017 zum „Tag der deutschen Zukunft“ nach Karlsruhe zu mobilisieren. Karlsruhe könnte damit zum Schauplatz des größten Neonaziaufmarsches des kommenden Jahres werden. Was unternehmt Ihr dagegen?

AAK: Die Planungen dazu werden demnächst anlaufen. Bisher können wir daher noch nichts Konkretes dazu sagen. Es ist ja auch noch fast ein ganzes Jahr Zeit – vorher wird eventuell noch im März der „Tag der Heimattreue“ stattfinden. Da wollen dann auch wieder Nazis aus ganz Deutschland in Bruchsal aufmarschieren. Für uns gibt es daher viel zu tun. Um dem Ganzen gerecht zu werden, werden wir uns natürlich in regionalen und überregionalen Bündnissen mit anderen Gruppen, Organisationen und Einzelpersonen zusammentun. Die Nazis wollen bundesweit mobilisieren – wir werden das auch tun. Karlsruhe hat schon gezeigt, dass es bundesweite Naziaufmärsche verhindern kann – daran wollen wir festhalten!

Druckschrift: Wir danken Euch für das Gespräch.

Antifaschistische Aktion Karlsruhe

Im Mai 2016 gründete sich mit der Antifaschistischen Aktion Karlsruhe eine neue Antifa-Gruppe in der Stadt. Sie tritt an, um eine Lücke zu schließen, dem Rechtruck entgegenzutreten und ruft zu einer antifaschistischen Offensive auf.

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