Beiträge für eine Lebendige Streitkultur in Karlsruhe

Initiativen

Courage gegen Diskriminierung

Bildung als Schlüssel zur Auflösung von Vorurteilen

„Es ist ein gutes Gefühl“ sagt Martin vom Netzwerk Courage. „Früher waren wir oft gefrustet nach Demos, jetzt haben wir das Gefühl, den Nazis mehr in den Arsch getreten zu haben nach einem Projekttag.“ Er grinst, sein Kollege Tom nickt zustimmend und nimmt einen Schluck aus seinem Radler. Es ist angenehm warm an diesem Nachmittag. In gemütlicher Runde, bei kühlen Getränken sitzen wir zu dritt im Außenbereich des Café Palaver. Martin und Tom sagen, sie gehörten zu den „alten Hasen“. Sie sind von Anfang an dabei, seit 2002 als Courage Baden Württemberg aus „United“, dem Verein gegen Rassismus e.V., heraus entstand. „Das kam aus eigenem Interesse, weil wir Bildung an Schulen machen wollten“, erklärt Tom „und jetzt komme ich nicht mehr davon los“, ergänzt Martin.

Prävention gegen Diskriminierung

Das Netzwerk Courage hat zum Ziel Diskriminierung präventiv zu bekämpfen und Vorurteile argumentativ aufzulösen. „Bildung und Aufklärung sind enorm wichtig“, sind sich meine Gesprächspartner einig. „Oft sind SchülerInnen nicht informiert darüber, was draußen passiert, und lesen auch keine Zeitung.“ Aus diesem Grund organisiert Courage Projekttage an Schulen, bei denen gemeinsam mit den Schülern verschiedene Themen aufgearbeitet und diskutiert werden. Der Projekttag „Schublade offen! Am Anfang war das Vorurteil“ beschäftigt sich mit Klischees und sich daraus entwickelnden Vorurteilen. Dabei wird auch das Thema Migration diskutiert und geklärt, aus welchen Gründen Menschen ihre Heimat verlassen. Das sei wichtig, weil Vielen nicht klar sei, dass niemand ohne triftigen Grund – starke soziale oder politische Zwänge – seine Heimat verlasse und dabei teilweise sein Leben riskiere. Gerade in ländlichen Gebieten ließe sich das Phänomen des „Wohlstandschauvinismus“ ausmachen. Aussagen wie: „Das interessiert mich doch nicht, solange auf der Straße nicht die Schlaglöcher geflickt sind“, relativieren die Not von Flüchtlingen und zeigten ein vollkommenes Defizit an Mitgefühl. Das zeige, wie wichtig diese Art der Aufklärung ist.

Wege zur Veränderung aufzeigen

Ein wichtiger Bestandteil der Projekttage ist die Partizipation der SchülerInnen. Durch Anwendung verschiedener Methoden wie Stuhlkreise, Gruppenarbeiten oder Theaterstücke werden die SchülerInnen eingebunden. Das aktive Erleben sei für die TeilnehmerInnen ebenso wichtig wie die zahlreichen praktischen Beispiele und persönlichen Erfahrungen, die von den Teamleitern eingebracht werden. Beim zweiten Projekttag wird ein Planspiel durchgeführt, das den SchülerInnen aufzeigen soll, wie Machtmissbrauch in der Gesellschaft sich auswirkt. In diesem Zusammenhang wird untersucht welche Gruppen eingeschränkte Chancen haben und wo die Gründe dafür liegen, und es werden Perspektiven für Handlungsmöglichkeiten und die aktive Mitgestaltung der Gesellschaft erarbeitet.

Projekttag 3: „Egal geht nicht!“ konzentriert sich auf verschiedene Formen der Diskriminierung aufgrund äußerer Merkmale wie Geschlecht, sexueller Orientierung oder Hautfarbe im Alltag. Dabei wird auch über rechte Strukturen und deren Tricks zur Beeinflussung und Vereinnahmung von Jugendlichen aufgeklärt.

Hauptziel der Projekttage ist, die Jugendlichen zu couragiertem Handeln zu ermutigen und gemeinsam das Bild einer offeneren menschlicheren Gesellschaft und Wege dorthin zu erarbeiten.

Die besseren Argumente

Die Arbeit sei nicht immer leicht. Umso wichtiger sei die Ausbildung, die jeder der „Teamenden“ machen muss, bevor er oder sie zu zweit Projekttage durchführen. In manchen Klassen herrsche aggressive Stimmung und Vorurteile seien fest verankert, auch gäbe es immer mal wieder Nazis, „aber wir haben immer die besseren Argumente.“ erzählen Martin und Tom. „Man muss das charmant, nett und cool machen und nicht beleidigen“, wenn es hitzig wird. Vor allem an „Problemschulen“ fliege schon mal ein Stuhl. Insgesamt ließen sich deutliche Unterschiede bei der Art und Weise der Mitarbeit und der Haltung zwischen den einzelnen Schulsystemen ausmachen, darum sei von Schule zu Schule ein anderes Vorgehen erforderlich. Auch zwischen den Bundesländern und regional gäbe es Unterschiede, aber im Allgemeinen seien Resonanz und Teilnahme sehr gut, das zeigen auch die regelmäßig durchgeführten Bewertungen.

Kontinuität ist wichtig

Courage ist in 11 Bundesländern vertreten. Zum Unterstützernetzwerk in Ba-Wü gehören die DGB-Jugend, die Landeszentrale für politische Bildung, der Verein United, das JUZ Mannheim, die GEW und die Karl-Kloss-Jugendbildungsstätte. 2014 wurden 1170 Projekttage, davon 167 in Ba-Wü durchgeführt, mit denen rund 23.000 Teilnehmende erreicht wurden. Zusätzlich zu den drei Hauptprojekttagen gibt es noch 11 weitere Konzepte, die sich mit speziellen Themen wie Medien, Europa und Anderen beschäftigen. Dazu kommen regionale Angebote, beispielsweise der Projekttag zur KZ-Gedenkstätte in Mannheim, bei dem auf die Situation der polnischen Zwangsarbeiter und die Zwangsarbeit bei Daimler Benz eingegangen wird.

Meistens werden die Teams nur einmalig gebucht – längerfristige Entwicklungen ließen sich jedoch nur schwer durch einzelne Besuche anstoßen. Ob es zu einer kontinuierlichen Zusammenarbeit kommt, hänge hauptsächlich vom Engagement der LehrerInnen ab. Eines der positiven Beispiele seien die Schülertage in Karlsruhe, die immer im Oktober stattfinden. Dort werden, selbstorganisiert von der SMV (Schülermitverantwortung) 4-5 Tage lang verschiedene Bildungsveranstaltungen durchgeführt und es findet jeden Tag ein Courage Projekttag mit bis zu 100 TeilnehmerInnen statt.

Courage unterstützen

Die Projekttage sind für Schulen kostenlos. Neben der Förderung durch die Netzwerkpartner wird die Arbeit und Ausbildung bei Courage über Spenden finanziert. Courage bietet darüber hinaus Fortbildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten für Menschen, die sich aktiv an der Arbeit beteiligen möchten. Alle notwendigen Informationen dazu sowie Kontakt, um einen Projekttag zu buchen, finden sich auf der Webseite(bh)

Netzwerk für Demokratie und Courage

Das Netzwerk für Demokratie und Courage (NDC) ist ein bundesweites Netzwerk, dass von jungen Leuten getragen wird und sich für Demokratieförderung und gegen menschenverachtendes Denken engagiert.

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n.kaiser@lago-bw.deZur Webseite

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