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Gelungen?

Schleichende Gentrifizierung in Durlach

Protest gegen Abriss des Durlacher Gefängnisses (Foto: Samuel Degen)

Gültekin sprach nicht gut deutsch, konnte dafür aber umso besser kicken. Ich besuchte mit ihm die Durlacher Pestalozzischule – eine bunte Klasse mit vielen Gastarbeiterkindern. Sein Vater war als Gastarbeiter aus der Türkei gekommen und arbeitete bei der Nähmaschinenfabrik Pfaff. Das war in den 1980er Jahren. Meine Tochter besucht heute ebenfalls die Pestalozzischule. Auch ihre Klasse ist bunt – und dennoch ganz anders zusammengesetzt: Die Eltern der Kinder – ob nun mit oder ohne Migrationshintergrund – gehen nicht mehr in die Fabrik, sondern arbeiten als Umweltingenieure oder als IT-Entwickler*innen. Durlach hat in den letzten 30 Jahren einen sozioökonomischen Strukturwandel durchgemacht – nicht ohne gravierende Folgen.

Durlach war eine Industriearbeiterstadt. Frühzeitige und hohe Organisierung der Arbeiterschaft sowie große Mehrheiten für (links-)sozialdemokratische Parteien begründeten in den 1920er Jahren gar den Ruf des ‚roten Durlach‘. Auch in den Jahren nach der Nazidiktatur kennzeichnete die industrielle Produktion die soziale Segregation: Es gab wohlhabende Viertel in den Hanglagen am Turm- und Geigersberg und Arbeiterviertel und solche, in denen sich Zuwanderer konzentrierten, in der Altstadt, im Durlacher Westen sowie in Aue (Lohnlissen) und der Untermühlsiedlung. Doch die Schließung der Lederfabrik (1970), die Produktionsverlagerung von Dynamit Nobel nach Bayern (1972), Massenentlassungen bei Pfaff (1993), der Konkurs von Dental-Ritter (1995) und die Auslagerung der Produktion der Badischen Maschinenfabrik nach Tschechien (1995) läuteten einen Transformationsprozess vom Industrie- zum Dienstleistungsstädtchen Durlach ein.
In den ehemaligen Werks- und Verwaltungsgebäuden der Fabriken wurden die Gründerzentren und Dienstleistungsparks ‚Raumfabrik‘, ‚P 90‘ und das ‚Seboldzentrum‘ eröffnet. Dort entstanden vor allen Dingen Arbeitsplätze in den Bereichen Wissenschaft und Forschung, Information und Kommunikation, Kultur, Beratung und Verwaltung.

Begleitet wurde dieser Strukturwandel mit einer umfassenden Sanierung der Durlacher Altstadt. Denn was heute unvorstellbar erscheint, war damals Realität: Zwischen 1970 und 1983 nahm die Wohnbevölkerung in der Altstadt Durlachs um 23,4 % ab. Böse Zungen behaupten, die Altstadt habe einer Kloake geglichen. Das Baudezernat sprach von „mit Mängeln und schweren Mängeln“ behafteter Bausubstanz“. Die Sanierung sollte – nicht etwa wie der Kahlschlag kurze Zeit zuvor im „Dörfle“ – objektbezogen umgesetzt werden. Sie begann 1984 und wurde 2004 abgeschlossen. Rund 35 Millionen D-Mark öffentliche Gelder und 18 Millionen D-Mark private Investitionen wurden hierfür aufgewandt.

Weder die Deindustrialisierung noch die Altstadtsanierung verliefen konfliktfrei: So mobilisierte sich beispielsweise gegen die Werksschließung von Pfaff nicht nur die Belegschaft zu Demonstrationen, sondern auch große Teile der Bevölkerung Durlachs. Dem Abriss des Durlacher Gefängnisses im Zuge der Altstadtsanierung stellte sich eine breit getragene Bürgerinitiative entgegen, die für eine kulturelle Umnutzung anstelle des Baus eines großen Supermarktes eintrat. Am Ende nutzte es nichts.

Im Kern grün, an den Rändern braun

Im Resultat dieses Strukturwandels verloren viele Durlacher*innen ihren Arbeitsplatz und – teilweise zeitversetzt – ihre Wohnung. Denn mit den neuen Arbeitsmöglichkeiten dräng(t)en aufstrebende Mittelschichtsgruppen nach Durlach. Insbesondere in die Durlacher Altstadt und die die Gründerzentren umgebenden Gebiete. Dieser ‚Zuzugsdruck‘ sowie die im Zuge der Sanierung vorgenommenen Aufwertungen überforder(te)n die ursprünglichen Mieter*innen finanziell vielfach. Weniger milde ausgedrückt heißt das: Die bisherigen Bewohner*innen wurden und werden verdrängt. Steigende Miet- und Immobilienpreise verändern die gewachsenen Strukturen innerhalb der Altstadt immens.

Der Einzelhandel und die Gastronomie haben sich indes der neuen Durlacher Bevölkerungszusammensetzung und deren Konsumgewohnheiten angepasst: Etwas mehr ‚Sehen und Gesehen werden‘ in den Cafes, etwas mehr ‚Schöner Wohnen‘ in den Läden und etwas mehr für einen ‚Lebensstil zwischen Luxus und Nachhaltigkeit‘.

Und auch das ist ein Resultat des Strukturwandels: Während in der Durlacher Altstadt ‚Die Grünen‘ bald stärkste Partei sein werden, droht dies in Aue (Lohnlissen) die AfD zu werden. Von den ehemals (links-)sozialdemokratischen Mehrheiten keine Spur.

 

Gentrifizierung

Wo Yuppies, Dinks und Lohas zuhause sind
In den 1970er und 1980er Jahren galt Gentrifizierung als Emanzipationsstrategie und stand mit den sozialen Bewegungen dieser Jahre in Zusammenhang. Die Stadt war Sehnsuchtsort all derer, die für eine offenere, liberalere und demokratischere Gesellschaft eintraten. Gegen eine ethnisch und sozial segregierte Gesellschaft mit einer scharfen Trennung von Arbeit und Leben, gegen geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und gegen festgefügte Rollenkonzepte und Lebensentwürfe. Gentrifizierung galt als Bekenntnis zu Multikulturalismus und sozialer Mischung. Feministinnen feierten sie gar als Ausdruck des Zusammenbruchs des patriarchalen Haushalts.

Und heute: Wenn Städte zunehmend für die Konsumbedürfnisse der gehobenen Mittelschichten hergerichtet werden, zentrales Wohnen zum Privileg der Besserverdienenden wird und wachsende Teile der Bevölkerung von den städtischen Ressourcen und Dienstleistungen ausgeschlossen werden, macht Gentrifizierung die Zunahme sozialer Polarisierung und Ungleichheit in einer durchökonomisierten Gesellschaft sichtbar. Sie beschreibt den sozioökonomischen Strukturwandel bestimmter städtischer Viertel im Sinne einer Attraktivitätssteigerung für eine neue Klientel und dem anschließenden Zuzug zahlungskräftiger Eigentümer*innen und Mieter*innen. Damit verbunden ist der Austausch ganzer Bevölkerungsgruppen. Gentrifizierte Viertel sind die Heimstadt der Yuppies (young urban professionals), Dinks (double income no kids) und Lohas (Lifestyle of Health and Sustainability).

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